Schwerwiegende Verstöße gegen den Opferschutz

Wien (OTS) - In gleich zwei Fällen stellte der Senat 1 zuletzt schwerwiegende Verstöße gegen den Opferschutz fest. Betroffen sind die Artikel „Mutter getötet: Die Psycho-Akte des Messer-Killers“, erschienen auf Seite 10 in „Österreich am Sonntag“ vom 09.02.2020, sowie „Alarmstufe Rot um H***-Prozess“, erschienen auf Seite 10 der Tageszeitung „OE24“ vom 11.02.2020.

Der Senat wurde in diesen Fällen aus eigener Wahrnehmung tätig, die Medieninhaberin nahm nicht an den Verfahren teil.

Im Artikel „Mutter getötet: Die Psycho-Akte des Messer-Killers“ wird über einen Mann berichtet, der auf offener Straße eine unschuldige Frau erstochen habe. Nur Stunden nachdem dieser Mann aus der Psychiatrie entlassen worden sei, habe er plötzlich den Drang verspürt, „irgendjemanden zu töten“ und anschließend auf eine sympathische Zahnarzthelferin eingestochen. Die lebensgefährlich verletzte Ehefrau und Mutter zweier Kinder sei schließlich ihren Verletzungen im Spital erlegen. Sowohl beim Artikel wie auch auf der Titelseite ist ein Porträtfoto veröffentlicht, auf dem das Opfer unverpixelt zu sehen ist. Der Senat betont, dass Mordfälle grundsätzlich für die Öffentlichkeit von Interesse sind, dabei aber nicht der postmortale Persönlichkeitsschutz des Opfers missachtet werden darf. Die Veröffentlichung unverpixelter Fotos von Mordopfern auf der Titelseite erachtet der Senat als besonders gravierend, da die Opfer hier noch stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden.

Im Artikel „Alarmstufe Rot um H***-Prozess“ wird u.a. über den bevorstehenden Strafprozess von Robert K. (17), der im Mai 2018 seine 7-jährige tschetschenisch-stämmige Nachbarin umgebracht habe. Dem Beitrag ist ein Porträtfoto beigefügt, auf dem das siebenjährige Mordopfer unverpixelt zu sehen ist. In diesem Fall weist der Senat zunächst darauf hin, dass bei einem Kind der Persönlichkeitsschutz besonders stark ausgeprägt ist. Gemäß Punkt 6 des Ehrenkodex ist bei Berichten über Jugendliche die Frage eines öffentlichen Interesses besonders kritisch zu prüfen und bei Kindern dem Schutz der Intimsphäre sogar Vorrang vor dem Nachrichtenwert einzuräumen; vor diesem Hintergrund greift die vorliegende Bildveröffentlichung auch in die Intimsphäre des Kindes ein. Der Senat erkennt an der unverpixelten Veröffentlichung des Porträtfotos keinerlei öffentliches Interesse. Das Medium hat die postmortalen Persönlichkeitsinteressen des Kindes missachtet, darüber hinaus wurde auch der Persönlichkeitsschutz der nahen Angehörigen verletzt.

In beiden Fällen gelangte der Senat zu dem Ergebnis, dass die Bildveröffentlichungen einen schwerwiegenden Verstoß gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse darstellen. Die Medieninhaberin wird aufgefordert, die Entscheidungen freiwillig zu veröffentlichen oder darüber zu berichten.

SELBSTÄNDIGE VERFAHREN AUS EIGENER WAHRNEHMUNG

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

In den vorliegenden Fällen führte der Senat 1 des Presserats auf eigene Initiative ein Verfahren durch (selbständige Verfahren aus eigener Wahrnehmung). In diesen Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.
Die Medieninhaberin von „Österreich am Sonntag“ und der Tageszeitung „OE24“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberin von „Österreich am Sonntag“ und der Tageszeitung „OE24“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats anerkannt.

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Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: +43 - 1 - 23 699 84 - 11

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