Tatortbilder auf „oe24.at“ verletzen Würde des Opfers

Wien (OTS) - Nach Meinung des Senats 1 verstößt der Artikel „Frau fast totgeprügelt: Kritik an Behörden“, erschienen am 13.01.2020 auf „oe24.at“, gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Im Artikel wird über einen Vorfall in Wien Meidling berichtet, bei dem ein 40-Jähriger Mann seine Lebensgefährtin fast totgeprügelt haben soll und derzeit frei herum laufe. Dem Artikel sind zwei Fotos beigefügt, die den Tatort (Bad und Toilette) zeigen. Auf dem einen Foto sieht man das verwüstete Bad sowie Blutspuren, auf dem anderen die zertrümmerte Toilette, an der das Blut heruntergeronnen ist. Als Urheberin dieser Fotos wird die Landespolizeidirektion Wien angeführt. Eine Leserin wandte sich an den Presserat und kritisierte, dass das Bildmaterial grausam und verstörend sei. Die Medieninhaberin nahm am Verfahren vor dem Presserat nicht teil.

Der Senat weist zunächst darauf hin, dass die Medien beim Thema „Gewalt gegen Frauen“ einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Bewusstseinsbildung leisten können. Bei der Berichterstattung über konkrete Gewaltverbrechen ist allerdings stets auf die Würde der Opfer zu achten. Das Leid, das die betroffenen Frauen und ihre Angehörigen erfahren, darf durch die Berichterstattung nicht vergrößert werden. Auf den veröffentlichten Fotos werden mehrere Blutspuren des Opfers sowie eine zertrümmerte Toilette gezeigt; dies lässt unmittelbare Rückschlüsse auf die Brutalität der stattgefundenen Gewalttat zu. Nach Ansicht des Senats ist die Veröffentlichung solcher Fotos geeignet, das Leid des Opfers und seiner Angehörigen zu vergrößern – dabei spielt es keine Rolle, dass auf den Fotos keine Personen zu sehen sind. Im Ergebnis wertet der Senat das Bildmaterial als menschenunwürdig und erkennt einen Eingriff in den Persönlichkeitsschutz des Opfers. Darüber hinaus berühren die Fotos auch die Intimsphäre der Betroffenen. Neben den Blutspuren sind das Badezimmer und die Toilette (sowie mehrere Gegenstände bzw. Details) deutlich erkennbar. Der Senat betont, dass die Wohnung grundsätzlich zur privaten Rückzugssphäre zählt; die Veröffentlichung von Innenaufnahmen einer Wohnung nach einem derartig brutalen Vorfall stellt somit auch einen Eingriff in die Intimsphäre dar.

Die Medieninhaberin von „oe24.at“ wird aufgefordert, über den Ethikverstoß freiwillig zu berichten.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINER LESERIN

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig. Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin von „oe24.at“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht. Die Medieninhaberin von „oe24.at“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/2369984-11

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