• 30.03.2020, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel vom 31.März 2020 von Wolfgang Sablatnig - „Bittere Realität“

Innsbruck (OTS) - Auch wer noch immer gehofft haben sollte, dass wir
bald aus dem Corona-Albtraum erwachen können, muss zur Kenntnis
nehmen, dass eine Erleichterung nicht in Sicht ist. Was richtig ist
oder falsch, wird sich erst viel später zeigen.

Wieder nichts. Statt des ersehnten Fahrplans für den Ausstieg aus dem
Corona-Irrsinn verkündeten Kanzler Sebastian Kurz und die Minister
aus dem Krisenstab die nächste Verschärfung der Maßnahmen. Am
auffälligsten ist die Maske – oder, um korrekt zu bleiben, der
Mund-Nasen-Schutz (MNS): Zutritt zum Supermarkt gibt es ab Mittwoch
nur noch verhüllt. Eine Ausweitung dieser Pflicht ist wohl zu
erwarten, wenn genügend Masken vorhanden sind.
Die bittere Realität des Virus wird uns noch lange beschäftigen. Noch
steigen die Infektionen zu stark. Erleichterung ist nicht in Sicht.
Flucht ist nicht möglich.
Der Mund-Nasen-Schutz wird daher nicht der letzte Eingriff bleiben.
Solange die Medizin weder Impfung noch Heilung anbietet, werden wir
Einschränkungen hinnehmen müssen.
Manche Maßnahmen kennen wir, manche werden dazukommen. Manche
überraschen. Bei manchen fragt man sich, warum erst jetzt. Wer hätte
noch vor dem Wochenende eine Maskenpflicht im Supermarkt erwartet?
Wer hätte an Stichprobentests gedacht, um der Dunkelziffer auf den
Grund zu gehen?
Weitere Maßnahmen hängen davon ab, wie schnell sich das Virus
ausbreitet und welche Instrumente zur Verfügung stehen. Am Beispiel
der Masken: Noch gäbe es gar nicht genug davon, um ihr Tragen zur
Pflicht zu machen. Ähnliches gilt für den Einsatz von Big Data, den
Kurz in den Raum stellt. Was genau kommt, zu welchem Zweck, wann es
kommt, bleibt noch offen. Vielleicht weiß es die Regierung selbst
noch nicht.
Auch das ist Teil der bitteren Realität des Virus. Wo politische
Entscheidungen sonst abgewogen werden, jagt eine Notstandsmaßnahme
die andere. Am Freitag wird der Nationalrat ein bereits drittes
Gesetzespaket beschließen, wieder im Eilverfahren.
Richtig oder falsch? Es ist nötig, die Maßnahmen der Regierung
laufend zu hinterfragen, ob sie überschießend sind und ausreichend
durchdacht. Ob sie Lücken haben und Probleme übersehen.
Erst am Ende, danach, wenn das Schlimmste überstanden ist, können wir
wirklich abwägen, ob wir unsere Freiheiten wiederbekommen. Wir können
abschätzen, wie sich die Wirtschaft aus der Krise herausentwickelt.
Wir werden sehen, wie viele Menschen gestorben sind.
Noch wissen wir nicht, wann es so weit ist. Und wir wissen nicht,
welchen Maßstab wir dann sinnvoll anlegen. Auch das ist Teil der
bitteren Realität.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT

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