Analyse "Neue Regierung, alte Inszenierung" vom 15.01.2020 von Karin Leitner

Innsbruck (OTS) - Von Karin Leitner
Kaum amtieren sie, ist sie auch schon da – die Inszenierung. Am Montag haben der Kanzler, sein Vize und der Sozialminister eine Pflegestätte besucht, gestern waren der Kanzler, sein Vize und der Innenminister in einer Polizeiinspektion zugange. Die ÖVP hat das Eigenmarketing unter Türkis-Blau perfektioniert, die Grünen haben als Oppositionelle Politainment von Regierenden kritisiert. Jetzt stehen sie selbst auf der Show-Bühne. Der Standort bestimmt den Standpunkt. Auf die Macht der Bilder wird seit jeher gesetzt. Der einstige SPÖ-Kanzler Viktor Klima gummistiefelte in Hirtenberg zur Hochwasserbesichtigung. Die schwarz-blauen Minister von Wolfgang Schüssel präsentierten sich in Schönbrunn als Tierliebhaber, der rote Regierungschef Christian Kern spielte einen Abend lang den Pizzalieferanten. Und in Altenheimen wurden schon viele Menschen von Politikern zu Statiste­n für ihre PR-Auftritte gemacht. Auf herkömmliche Medien sind sie längst nicht mehr angewiesen, um ihre plakativen Botschaften unter die Leut’ zu bringen. Sie bespielen ihre Netzwerk-Kanäle. Dort haben sie auch die Kontrolle über das Material. Wohltuend war ob dessen das Wirken des Expertenkabinetts. Die Ressortchefs der Übergangsregierung haben den Schaulauf verweigert. Bürger haben das nicht bekrittelt, sie haben es goutiert.
Ja, Brigitte Bierlein brauchte keine Polit-Neuerungen anzupreisen, weil es keine gab. Regierende Parteienvertreter „verkaufen“ aber oft nicht Reformen, weil noch keine vorhanden sind. Sie verkaufen Absichtserklärungen. Und sich selbst – als interessierte Zuhörer, Betroffenheitsgeste inklusive.
Ja, zuhören sollen sie – aber nicht nur bei einem, vermeintlich publicityträchtigen Termin. Und abseits von Kameras und Fotografen. Einfließen lassen sollen sie die Erkenntnisse aus Gesprächen in ihr Werk. Das gilt es dann zu bewerten.
Es zeigt sich nämlich immer wieder: Gute Bilder können keine schlechte Politik wettmachen.

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