TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 21. Dezember 2019 von Mario Zenhäusern "Trotz ist jetzt die falsche Strategie"

Innsbruck (OTS) - Der britische Premierminister braucht einen Deal mit der Europäischen Union wie einen Bissen Brot. Aber auch die EU ist gefordert, das unkalkulierbare Risiko eines ungeordneten Austritts Großbritanniens zu minimieren.

Spätestens seit den Unterhauswahlen vom 12. Dezember steht fest, dass Großbritannien die Europäische Union verlassen wird. Für Premierminister Boris Johnson, den die britischen Wählerinnen und Wählern mit einer klaren Mehrheit ausgestattet haben, ist am 31. Jänner 2020 endgültig Schluss. Gestern stimmte auch das britische Unterhaus, im dem die von Johnson angeführten Konservativen die Mehrheit stellen, dem entsprechenden Gesetz zu und schuf damit Tatsachen.
Ist damit der letzte Vorhang im nervtötenden Brexit-Drama gefallen? Weit gefehlt. Das Ziel ist zwar definiert, doch auf dem Weg dorthin gilt es noch, zahlreiche Hürden aus dem Weg zu räumen. Wenn es nämlich nach den Vorstellungen vieler Engländer geht, wollen sie sich mit dem Austritt lediglich der lästigen Pflichten entledigen, die ein Unionsmitglied zu erfüllen hat, aber gleichzeitig weiter von den Vorteilen profitieren. Premier Johnson hat zum Beispiel einen zollfreien Zugang zum EU-Binnenmarkt bei gleichzeitiger Befreiung von jeglichen EU-Standards etwa in den Bereichen Umweltauflagen oder Rechte von Arbeitnehmern gefordert. Das wird es so sicher nicht spielen.
Es liegt jetzt an den handelnden Personen, ein faires Folgeabkommen auszuhandeln. Großbritannien kann es sich nicht leisten, alle Brücken zu Europa abzubrechen. Dazu wird es nicht ausreichen, dass Johnson auf die EU zugeht. Gemeinsam mit Nigel Farage und den anderen Brexit-Befürwortern hat er sich die Zustimmung mit falschen Zahlen erkauft. Das wird sich spätestens dann rächen, wenn die Menschen in Großbritannien merken, dass die versprochene „goldene“ Zeit nach dem Austritt nicht mehr als eine Illusion ist. Johnson braucht also einen Deal mit der EU wie einen Bissen Brot.
Umgekehrt muss ein faires Abkommen auch der EU ein Anliegen sein, will sie die Engländer nicht mit Verve in die Hände von Donald Trump treiben. Trotz ist in dieser Phase definitiv die falsche Verhandlungsstrategie. Ein Scheitern und in weiterer Folge der unkontrollierte Austritt Groß­britanniens stellt ein unkalkulierbares Risiko dar – für beide Seiten. Dass die Gespräche unter Zeitdruck stattfinden, macht die Sache auch nicht leichter.
Boris Johnson hat bekanntlich eine Verlängerung der vereinbarten Übergangsphase über Ende 2020 hinaus kategorisch ausgeschlossen. Ob’s dabei bleibt, ist abzuwarten. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass der britische Premier seine Haltung von einem Tag auf den anderen grund­legend ändert.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001