TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 30. November 2019 von Michael Sprenger "So schafft sich eine Partei ab"

Innsbruck (OTS) - SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner ist längst handlungsunfähig. Interne Machtkämpfe und Intrigen
stehen auf der Tagesordnung. Was heißt hier noch Freundschaft? Ein sozialdemokratisches Drama.

Die sozialdemokratische Sehnsucht nach dem Untergang. So oder so ähnlich könnte das Drama betitelt sein, welches sich im Augenblick in der SPÖ abspielt. All jene, denen die Partei am Herzen liegt, die aber nicht gehört werden, sind wütend. All jene, die wissen, dass es eben ein großes Verdienst der Sozialdemokratie ist, dass Österreich so ein lebenswertes Land ist, sind fassungslos. Bei den SPÖ-Gegnern macht sich hingegen Schadenfreude breit.
Alle müssen (oder dürfen) seit Tagen einer Inszenierung shakespearischen Ausmaßes beiwohnen. Sind doch die Granden der Partei auf offener Bühne zusammengetroffen, um mit Intrigen und Machtspielen eine Partei anhaltend zu beschädigen. Vernichten ist vielleicht noch ein zu schweres Wort.
Die tragische Rolle, weil zur Heldin taugt sie nicht, übernimmt dabei Parteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner. Sie wirkt wie paralysiert, ist nicht mehr in der Lage, das Treiben um sie herum zu beenden. Rendi-Wagner hat ihre Chance verspielt, die Partei neu aufzustellen. Sie hat sich von Anfang an der so genannten Liesinger-Partie ausgeliefert, die bis heute von Rachegelüsten ob des Sturzes von Werner Faymann beseelt ist. Es klingt wie ein Treppenwitz der jüngeren Parteiengeschichte. Rendi-Wagner wurde vom glücklosen Christian Kern zu seiner Nachfolgerin auserkoren. Und sie, weil politisch unerfahren, nahm das Danaergeschenk der Faymann-Getreuen an. Sie gaben vor, ihr zu helfen, geworden ist sie so zur Marionette. Weiß Rendi-Wagner um ihre Rolle in dieser Ranküne? Auch das ist eine offene Frage. Deshalb muss man es wohl sagen: Selbst wenn Rendi-Wagner zum Opfer geworden ist, sie kann nicht länger Parteivorsitzende bleiben. Doch dies ist angesichts der vielen offenen Fragen die leichteste Antwort. Wohin will die Partei, wer soll sie führen? Geht es um Neuausrichtung oder Besitzstandswahrung? Alles offen. Es bietet sich keine logische Nachfolgerin, kein Nachfolger an. Die einzige Integrationsfigur wäre Peter Kaiser. Doch er winkt glaubwürdig ab. Hans Peter Doskozil ist vieles, aber keiner, der die verfeindeten Lager vereinen kann.
Wahrscheinlich wissen alle an der SPÖ-Spitze, dass ihr jetziges Handeln dazu angetan ist, die Partei zu ruinieren. Doch niemand ist gewillt, den Machtkampf zu beenden. So dauert das Shakespeare-Drama an. Bis am Ende alle auf dem Boden liegen. Freundschaft!

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