- 07.11.2019, 22:00:16
- /
- OTS0201
TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 8. November 2019, von Theresa Mair: "Die Gesundheit ernster nehmen"
Innsbruck (OTS) - Laut einem neuen OECD-Bericht leben die
Österreicher alles andere als gesundheitsbewusst – viele Todesfälle
wären vermeidbar. Der Wunsch, nicht krank werden zu wollen, setzt
sich hierzulande gegen den Lebenswandel zu wenig durch.
Gesund gestorben ist auch tot. Was soll man auch anderes sagen, wenn
man mit Zigarette und Verdauungsschnapsl dasitzt, nachdem man sich
den Bauch vollgeschlagen hat. Und insgeheim denkt man sich, dass der
Tod sowieso nur die anderen trifft. Ironische Distanzierung fällt
leichter als die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen
Lebenswandel. Mäßigung und Disziplin klingen anstrengend in den Ohren
des gelernten Österreichers, der in allen Lebenslagen seine
Gelassenheit vor sich herträgt und sich nicht vorschreiben lässt, wie
er zu leben hat.
Bisher ist die Rechnung immer aufgegangen. Doch jetzt kommt die
Spielverderberin OECD. Nachdem der Zuwachs bei der Lebenserwartung
schon in den vergangenen Jahren ins Stocken geraten ist, geht sie in
einigen OECD-Ländern seit 2015 wieder zurück – inklusive Österreich.
Dabei bildet fast kein Land in Europa so viele Mediziner aus wie wir.
Bei der Anzahl der praktizierenden Ärzte sind wir – nach Griechenland
– ganz vorne, aber eben auch, wenn es darum geht, die Gesundheit aufs
Spiel zu setzen. 118 Sterbefälle pro 100.000 Einwohner pro Jahr sind
sinnlose, weil vermeidbare Tode. Nirgendwo sonst rauchen so viele
junge Frauen wie bei uns, beim Alkoholkonsum liegt Österreich im
Ranking der 36 OECD-Länder an zweitschlechtester Stelle. Damit es
kein Missverständnis gibt: Nur in Litauen wird noch mehr gesoffen.
Damit nicht genug: Beinahe jeder zweite Erwachsene in Österreich ist
übergewichtig.
Jetzt kann man – typisch österreichisch – antworten, dass halt
irgendwann doch jeder sterben muss. Es klingt logisch, dass es nach
den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren mit dem Aufschwung der
1970er-Jahre auch mit der Lebenserwartung bergauf gehen musste. Dass
die Lebenserwartung ausgerechnet in Friedenszeiten, in einer Ära des
Wohlstands und des medizinischen Fortschritts, sinkt, passt aber
nicht ins Bild.
Jeder hier kann (noch) zum Doktor gehen, selbst wenn es ihn nur an
der Augenbraue juckt. Unsere Mediziner sind auch sensationell gut,
wenn es darum geht, Krankheiten zu heilen – die Österreicher aber
schlecht darin, gesund zu bleiben. Ein gesundheitsbewusstes Leben
wird in der Gesellschaft noch zu oft als fad und genussfeindlich
schlechtgeredet und dem Vorsorgegedanken vielfach noch zu wenig Wert
beigemessen. Langsam wächst das Bewusstsein dafür aber, siehe das
endlich in Kraft getretene Rauchverbot in der Gastronomie. Im
Idealfall bringen solche politischen Entscheidungen dann auch ein
Umdenken mit sich.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT






