• 04.11.2019, 22:00:16
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 5. November 2019, von Wolfgang Sablatnig: "Vorsicht bringt die Kirche nicht weiter"

Innsbruck, Wien (OTS) - Die Empfehlungen der Amazonas-Synode für die
Zulassung „bewährter Männer“ zum Priesteramt können am Beginn einer
weitreichenden Entwicklung stehen. Die Probleme der Kirche in der
säkularen Gesellschaft lösen sie nicht.

Bewusst vorsichtig.“ So umschreibt die in Peru lebende deutsche
Ordensfrau Birgit Weiler, was die Amazonas-Synode der
römisch-katholischen Kirche zum Frauendiakonat beschlossen hat.
Weiler hat an der Synode teilgenommen und begründet die Vorsicht
damit, dass die Passage es anders gar nicht in das Schlussdokument
geschafft hätte. Geblieben ist der Hinweis, dass die Zulassung von
Frauen zum Diakonat von vielen Teilnehmern gefordert worden sei und
dass eine vom Papst 2016 eingesetzte Kommission ihre Arbeit
fortsetzen soll.
In der Abstimmung über diesen Artikel reichte es dennoch nur für
das zweitschlechteste Ergebnis aller 120 Artikel. Noch knapper war
nur die Abstimmung über die Priesterweihe „bewährter Männer“, auch
wenn diese verheiratet sind. 128 Stimmen im Sinne der „viri probati“
standen 41 Ablehnungen gegenüber – und dies, obwohl der Text den
Zölibat unterstreicht und die Ausnahme auf das Amazonasgebiet
beschränkt, wie der Wiener Kardinal Christoph Schönborn betont.
Es liegt nun am Papst, was er aus den Empfehlungen der Synode
macht, verbindlich sind sie nicht. Franziskus will aber in den
nächsten Monaten ein Dokument mit Schlussfolgerungen vorlegen.
Dann wird sich zeigen, ob die Hoffnungen der Reformer
gerechtfertigt sind, die einen Dominoeffekt erwarten. Noch kann davon
keine Rede sein. Zwar hält die Synode fest, dass einige Teilnehmer
die Weihe von „viri probati“ als Antwort auf den Priestermangel für
die ganze Welt­kirche diskutieren wollten. Mehr aber auch nicht.
Dabei lässt sich nur schwer erklären, warum in Europa verboten
bleibt, was die Kirche in Südamerika zulässt.
Die Probleme, mit denen die katholische Kirche hierzulande
konfrontiert ist, wären aber auch mit der Weihe verheirateter Männer
nicht beseitigt. Zwar hat die Kirche zu wenige Priester. Sie hat vor
allem aber zu wenige Gläubige, wie Schönborn zutreffend feststellt.
Er weiß aus eigener Erfahrung als Erzbischof von Wien, wie es ist,
wenn die Katholiken ihre gesellschaftliche Deutungshoheit verlieren
und zunehmend in die Position einer Minderheit gedrängt werden.
Solange die Kirche „bewusst vorsichtig“ bleibt, wird sie diesen
Trend nicht stoppen können. Attraktiv bleibt (oder wird) sie in einer
zunehmend verweltlichten, säkularen Gesellschaft nur dann, wenn sie
klare Aussagen trifft. Auch der Jesus des Neuen Testaments war kein
Freund des Kompromisses.

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