• 03.11.2019, 22:00:02
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  • OTS0028

Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 4. November 2019. "Unwürdiges Schauspiel".

Innsbruck (OTS) - Wer den Flüchtlingsstrom aus den
zentralafrikanischen Staaten unterbinden will, muss dort ansetzen, wo
das Problem entsteht: in den Herkunftsländern. Darüber wird in der EU
aber seit Jahren lediglich geredet.

Auf den afrikanischen Landrouten zum Mittelmeer sterben mittlermeile
weit mehr Menschen, die auf der Flucht sind und ihr Heil in Europa
suchen wollen, als auf der gefährlichen Überfahrt von der Küste
Nordafrikas nach Italien oder Spanien. Exakte Zahlen liegen keine
vor. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration
(IOM) sollen von 2014 bis Ende Oktober 2019 mehr als 19.000 Menschen
im Mittelmeer ertrunken sein, 4463 weitere Todesopfer seien in
Nordafrika registriert worden – allerdings sprechen sowohl UNHCR als
auch IOM von einer hohen Dunkelziffer. Vincent Cochetel,
Sondergesandter des UN-Flüchtlingshilfswerks, geht sogar davon aus,
dass mindestens doppelt so viele Flüchtlinge auf dem beschwerlichen
Weg zur Küste tödlich verunglücken, verhungern, verdursten, einer
Krankheit zum Opfer fallen oder an den Folgen einer Gewalttat
sterben.
Die Warnungen der Experten belegen einmal mehr die Ausmaße des
Problems. Die Europäische Union, nach wie vor das Hauptziel der
Millionen an Flüchtlingen, reagiert darauf in erster Linie mit der
Verstärkung des Außengrenzschutzes. Das ist zwar wichtig und richtig,
verhindert aber nicht, dass sich trotzdem immer wieder Menschen auf
den Weg machen. Wer das nachhaltig stoppen will, muss dort ansetzen,
wo das Problem entsteht: in den Herkunftsländern. Solange die
Menschen dort keine Perspektive sehen und gleichzeitig das Bild von
Europa vor Augen haben, wo ihrer Ansicht nach Milch und Honig
fließen, wird die Massenflucht anhalten.
Eine der vordringlichsten Aufgaben der neuen EU-Kommission unter
Ursula von der Leyen wird also die Unterstützung der am meisten
betroffenen zentralafrikanischen Staaten sein. Es geht nicht nur
darum, den Menschen ausreichend Nahrung und Wasser zur Verfügung zu
stellen beziehungsweise sie in die Lage zu versetzen, sich selber
damit zu versorgen. Sie benötigen auch Arbeitsplätze und vor allem
den Zugang zu Bildung.
Über ein derartiges Afrika-Paket reden die EU-Mitgliedsstaaten seit
Jahren. Nur: Sie reden zwar immer davon, tun aber nichts. Statt sich
endlich intensiv mit der Ursache des Problems zu beschäftigen,
bekämpft Europa lediglich dessen Auswirkungen. Schiffe mit
Flüchtlingen werden im Kreis geschickt, weil nur wenige Länder bereit
sind, Migranten aufzunehmen und ihnen zumindest ein faires,
rechtsstaatliche Normen erfüllendes Asylverfahren zu bieten. Was für
ein unwürdiges Schauspiel.

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