- 10.06.2019, 22:00:02
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 11. Juni 2019 von Karin Leitner "Der unverfrorene Herr Strache"
Innsbruck (OTS) - „Schämen Sie sich“, ruft der ehemalige
FPÖ-Vizekanzler den jetzigen Regierenden zu. Wenn sich jemand schämen
sollte, dann er. Ob seines via Video dokumentierten Gedanken-Unguts.
Schämt euch!“, befindet Heinz-Christian Strache via Facebook. An das
Kabinett von Kanzlerin Brigitte Bierlein adressiert er das. Mit der
sprachlich ungelenk formulierten Anmerkung: „Die guten Freiheitlichen
Projekte werden nicht umgesetzt, dafür werden alle positiven
Fortschritte der FPÖ in der Regierung wieder zurückgenommen.“
Jener Mann, der – noch dazu als Chef einer Oppositionspartei – im
Juli 2017 einer vermeintlichen russischen Oligarchin erläuterte, wie
Spenden am Rechnungshof vorbei an seine Partei ergehen könnten, der
ihr – als Gegenleistung für Nationalratswahlkampfhilfe – öffentliche
Aufträge in Aussicht stellte, der eine Geisteshaltung offenbarte, die
einen erschaudern lässt, der für innenpolitische Turbulenzen
verantwortlich ist, wie es sie in der Zweiten Republik noch nicht
gegeben hat, der Österreich im Ausland desavouiert hat, ruft
untadeligen Experten zu, dass sie sich schämen sollen.
Reue und Rückzug aus der Politik ob des eigenen unentschuldbaren
Verhaltens – Fehlanzeige. Nach bekanntem Blau-Muster wird auf andere
gezeigt.
Sein Nachfolger an der Parteispitze macht das ebenfalls. Sollte
Strache sein EU-Parlamentsmandat annehmen, werde er so lange keine
FPÖ-Funktion innehaben, bis „die Umstände rund um das Ibiza-Video“
aufgeklärt seien, sagt Norbert Hofer. Also nicht der, der all das
Unsägliche von sich gegeben hat, ist der Übeltäter; Bösewichte sind
jene, die es dokumentiert haben.
Man stelle sich vor, ein hochrangiger Vertreter einer anderen Partei
wäre derart überführt worden wie Strache – Zeter und Mordio hätten
die Freiheitlichen geschrieen. Und das täten sie noch immer.
Wider die „Heimatverräter“ hieße es wohl. Wider die „Alt- und
Systemparteien“, aus deren Reihen sich auch noch einer erdreiste, auf
ein sattes Abgeordnetengehalt zu spitzen. Straches Anhänger würden
das beklatschen – und einander überbieten mit Empörungsbekundungen.
Sauerei, Frechheit, Skandal!
Im tatsächlichen Fall passiert das Gegenteil. Mit Vorzugsstimmen
haben sie Strache bedacht; zum Durchhalten animieren sie ihn. Ein
Paradoxon.
Viele haben sich den Freiheitlichen zugewandt, weil sie sich damit
auch bei den „Anständigen und Fleißigen“ wähnten. Schon durch die
Praktiken bei Hypo & Co wurde veranschaulicht, dass das Handeln der
Führungsriege der Eigen-PR nicht entspricht. Jetzt müssten sich die
Gutgläubigen erst recht getäuscht und hintergangen fühlen.
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