Leyla Hussein: „Gewalt gegen Frauen und Kinder darf nie durch Kultur oder Tradition gerechtfertigt werden“

Leyla Hussein, Emina Saric und Naïla Chikhi im ÖIF-Gespräch darüber, wie man patriarchale Strukturen aufbrechen, Gewalt verhindern und Frauen im Integrationsprozess stärken kann

Wien (OTS) - Im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres (BMEIA) fand am 21. Mai eine vom Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) veranstaltete Expertinnen-Diskussion über Gewalt gegen Frauen im Kontext von Integration und Migration statt: Die britisch-somalische Frauenrechtlerin Leyla Hussein sprach mit Emina Saric (Leiterin des Projekts „HEROES - Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ und Mitglied des Expertenrats für Integration) und der deutsch-algerischen Kulturwissenschaftlerin Naïla Chikhi über Gewaltformen an Mädchen und Frauen, frühzeitige Aufklärung und Prävention sowie die Notwendigkeit, Männer für die Integration ihrer Frauen in die Pflicht zu nehmen.

Hussein: „Gewaltakte sind Verbrechen, das muss man auch so aussprechen“

Leyla Hussein, die sich gegen Genitalverstümmelung an Mädchen und Frauen sowie für die Selbstbestimmung von Frauen einsetzt, fordert klare Begrifflichkeiten: „Ich bin dagegen, von weiblicher Genitalverstümmelung zu sprechen. Das ist ein sehr technischer Begriff, der von der Schwere und Tragweite dieses Verbrechens ablenkt. Bei diesen Praktiken handelt es sich um schwere Körperverletzung und sexuellen Missbrauch an Minderjährigen. Das muss man klar aussprechen. Ich bin auch dagegen, nahezu rechtfertigend von „Ehrenmorden“ zu sprechen! Eine Frau zu töten, weil sie sich nicht kontrollieren lässt und stattdessen ihr Leben selbstbestimmt lebt, ist nicht ehrenvoll. Es ist brutaler Mord!“ Es handle sich bei Genitalverstümmelung an Frauen nicht um ein Thema aus fernen Ländern, warnte Hussein: „Neben rund 30 afrikanischen Ländern, wo diese Verbrechen praktiziert werden, kennen wir etwa auch Fälle aus Malaysia, Kolumbien, den Vereinigen Staaten oder Großbritannien.“ Für Österreich gehen Expert/innen von mindestens 8.000 FGM-Opfern aus. „Frauen und Mädchen, die solche Qualen erlebt haben oder davon bedroht sind, leben unter uns. Sie sind Staatsbürgerinnen europäischer Länder. Diese Gewaltakte sind Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen. Das dürfen wir als Gesellschaft nicht tolerieren oder gar durch Kultur, Tradition oder Religion rechtfertigen. Es geht hier um Verbrechen und diese müssen konsequent strafrechtlich verfolgt werden.“

Saric: „Müssen Männer stärker in die Pflicht nehmen“

Besonders Migrantinnen seien laut Integrationsexpertin Emina Saric oft von Gewalt betroffen, die innerhalb der eigenen Community stattfindet: „Man muss verstehen, dass viele dieser Frauen in patriarchal geprägten Gesellschaften sozialisiert werden. Diese Sozialisierungsmerkmale geben ihnen kaum Möglichkeiten auszubrechen. Bei diesen Unterdrückungsmechanismen spreche ich von traditionsbedingten Gewaltformen, die über Generationen weitergegeben werden und tief verwurzelten, patriarchalen Einstellungen entspringen.“ Müttern und weiblichen Verwandten komme hier eine besondere Rolle zu: „An diese Frauen werden, unter Druck, klare Rollenzuschreibungen und damit Erwartungen gestellt. Sie müssen auf der einen Seite dafür sorgen, dass sich Töchter und Schwiegertöchter den traditionellen Prinzipien der Communities entsprechend verhalten und sogar Gewalt ertragen. Auf der anderen Seite werden Söhnen patriarchale Vorstellungen und Erwartungen zur Kontrolle der Frauen weitervermittelt. Durch die gelungene Weitergabe der patriarchalen Muster an die Töchter und Söhne wird der Status der Mütter in solchen Gesellschaften aufgewertet." Saric plädiert dafür, nicht nur die Frauen zu stärken, sondern auch Männer zu befähigen, sich mehr um ihr soziales Umfeld zu sorgen und sie stärker in die Pflicht zu nehmen: „Viele junge Männer kommen aus sogenannten ehrkulturellen Milieus, in denen männliche Dominanz vorherrscht und in vielen Lebensbereich sichtbar wird. Diese Verhaltensmuster sind jedoch veränderbar und können im persönlichen Entwicklungsprozess durchbrochen werden.“ Schließlich würden diese archaischen Vorstellungen nicht zuletzt auch viele Burschen und Männer selbst unter starken Druck setzen.

Chikhi: „Liberale Gesellschaft muss Grenzen setzen“

Kulturwissenschaftlerin Naïla Chikhi betont, dass die Vermittlung von Gleichberechtigung und Selbstbestimmung so früh wie möglich beginnen muss: „Kinder müssen von klein auf lernen, dass sie Rechte haben und dass niemand über ihren Körper und ihr Leben bestimmen darf. Hier sind wir als liberale Gesellschaft gefordert uns gegen jene zu stellen, die diese Freiheiten einschränken.“ Chikhi, Beraterin und Referentin zu den Themen Frauenpolitik und Integration, spricht sich dafür aus, Gewalt gegen Frauen regelmäßig im schulischen Kontext zu thematisieren: „Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit sollte in der Schule beginnen, denn nur in der Diskussion mit Kindern und Jugendlichen kann man präventiv ansetzen und patriarchale Denkmuster aufbrechen.“ Was die Rolle von Religion im Kontext mit Gewalt gegen Frauen und Mädchen betrifft, spricht sich Chikhi für Wachsamkeit aus: „Dort wo vermeintlich religiöse Gebote oder Vorgaben die Unterdrückung oder Gewalt gegen Frauen untermauern, wird es sehr gefährlich. Denn: Wie soll man gegen Gott argumentieren?“ Chikhi fordert, dass liberale Gesellschaften solchen Entwicklungen entgegenwirken und im Rahmen von Gesetzen klare Grenzen zum Schutz von Frauen und Mädchen setzen.

Leyla Hussein bei Schulbesuch in Wien: „Gewaltprävention muss früh beginnen“

Die Arbeit mit Jugendlichen ist auch Leyla Hussein ein besonderes Anliegen. Bei ihrem Wien-Besuch nutzte die Frauenrechtlerin die Möglichkeit, mit Schüler/innen des bilingualen Parhammergymnasiums über Frauenrechte, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu diskutieren. Sie stellte sich den zahlreichen Fragen der Schüler/innen zu ihrer Arbeit mit Frauen, die von Gewalt betroffen sind und sprach auch über ihre persönliche Geschichte: „Ich selbst wurde mit sieben Jahren genital verstümmelt. Bis zur Geburt meiner eigenen Tochter war mir die Dimension dieses Verbrechens gar nicht bewusst. Niemand hat mit mir darüber gesprochen.“ Umso wichtiger ist es für Hussein, dass Gewalt gegen Kinder und Frauen früh in der Schule thematisiert wird und diese aufgeklärt werden.

ÖIF-Schwerpunkt 2019: Förderung der Integration von Frauen

Die Förderung der Integration von Frauen ist ein zentraler Arbeitsschwerpunkt in der Integrationsarbeit des BMEIA und des ÖIF. Dieser Schwerpunkt ist integraler Bestandteil sämtlicher laut Integrationsgesetz verpflichtenden Maßnahmen (Beratung, Deutschkurse sowie Werte- und Orientierungskurse), darüber hinaus bieten die ÖIF-Integrationszentren in ganz Österreich Beratungsformate und Informationsveranstaltungen für Migrant/innen ebenso wie für Multiplikator/innen im Integrationsbereich an. Aktuell werden auch im Zuge eines aktuellen Förderaufrufs in der Höhe von einer Million Euro Projektvorschläge aus ganz Österreich gegen Gewalt an Frauen aus ganz Österreich geprüft. Anschließend trifft eine Fachjury die Auswahl aller geförderten Projekte. Zu Sommerbeginn sollen die ausgewählten Projekte bundesweit starten. Alle Informationen zum Schwerpunkt der Frauenintegration finden Sie unter https://www.integrationsfonds.at/frauen/

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