- 06.03.2019, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 7. März 2019 von Florian Madl - Manager dürfen, Sportler nicht
Innsbruck (OTS) - Österreich rühmt sich des weltweit schärfsten
Antidopinggesetzes. Aber anstatt auf dessen Wirksamkeit zu vertrauen,
werden lautstark lange Haftstrafen eingefordert. Dabei löst die
Kriminalisierung des Sports nicht das Problem.
Einer anonymen Umfrage zufolge dopen bis zu zehn Prozent der
befragten Führungskräfte in großen Wirtschaftsunternehmen. Sauber
sieht anders aus, aber in der obersten Etage eines Konzerns werden
auch keine Blutbilder, sondern höchstens Wachstumskurven evaluiert.
Der zuletzt erhobene Ruf nach Haftstrafen für Sportler, die dopen,
befremdet. Entspringt dieser Wunsch nicht der immer gleichen
zeitlichen Abfolge einer öffentlichen Diskussion? Erst die
Aufgeregtheit der Trittbrettfahrer, die sich dieser
gesellschaftlichen Dynamik bewusst sind. Politiker und
Interessenvertreter, die im konkreten Fall Doping als Bühne der
eigenen Rhetorik benützen. Dem folgt zumeist Aktionismus – also
besagter Ruf nach Freiheitsstrafen. Nicht anders erlebte man es in
der Flüchtlingsdebatte, als das Schlagwort Abschiebung die
Emotionalisierung vorantrieb und vielerorts der humanitäre
Grundgedanke auf widerwärtige Weise verloren ging.
Manager dürfen offensichtlich ohne Sanktionierung dopen. Aber gilt
das auch für Betrüger im Sport, einem Metier, das sich über Schweiß
und Tränen definiert? Österreich hat per Eigendefinition das
schärfste Antidopinggesetz der Welt (seit 2007), darin sind
Haftstrafen verankert. Muss also ein Exempel statuiert werden, um
sich der Wirksamkeit gewiss zu sein?
Der Spitzensport spiegelt die Gesellschaft, der Wunsch nach Siegern
und Verlierern lässt die Konsumenten dem Alltag entrinnen. Doch die
Wahrheit hinter dem Geschehen will keiner zur Kenntnis nehmen. Stefan
Matschiner, selbst lange Zeit Doping-Manager, hielt vor zehn Jahren
80 Prozent des Fahrerfelds bei der Tour de France für gedopt. Und
Leistungsdiagnostiker können angesichts der physischen Anforderungen
– 3700 Kilometer und über 30.000 Höhenmeter in drei Wochen mit bis zu
40 km/h Schnitt – nur den Kopf schütteln.
Doping moralisch zu verurteilen, darf nicht dazu führen, den
Spitzensport zu kriminalisieren. Betrug durch finanzielle Vorteile
(Preisgeld, Sponsoren) ist zu ahnden, Nutznießer von Dopingnetzwerken
haben ihre Verantwortung zu tragen. Aber Sportler in das Eck der
Schwerverbrecher zu rücken, wird der Tragweite nicht gerecht. Wer
würde Lionel Messi ächten und für zwei Jahre sperren, weil er mit
einem Torraub den Finalsieg des Gegners verhinderte? Möglicherweise
ist es das größte Manko einer öffentlichen Diskussion: Die
Verhältnismäßigkeit geht verloren.
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