TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 7. März 2019 von Florian Madl - Manager dürfen, Sportler nicht

Innsbruck (OTS) - Österreich rühmt sich des weltweit schärfsten Antidopinggesetzes. Aber anstatt auf dessen Wirksamkeit zu vertrauen, werden lautstark lange Haftstrafen eingefordert. Dabei löst die Kriminalisierung des Sports nicht das Problem.
Einer anonymen Umfrage zufolg­e dopen bis zu zehn Prozent der befragten Führungskräfte in großen Wirtschaftsunternehmen. Sauber sieht anders aus, aber in der obersten Etage eines Konzerns werden auch keine Blutbilder, sondern höchstens Wachstumskurven evaluiert. Der zuletzt erhobene Ruf nach Haftstrafen für Sportler, die dopen, befremdet. Entspringt dieser Wunsch nicht der immer gleichen zeitlichen Abfolge einer öffentlichen Diskussion? Erst die Aufgeregtheit der Trittbrettfahrer, die sich dieser gesellschaftlichen Dynamik bewusst sind. Politiker und Interessenvertreter, die im konkreten Fall Doping als Bühne der eigenen Rhetorik benützen. Dem folgt zumeist Aktionismus – also besagter Ruf nach Freiheitsstrafen. Nicht anders erlebte man es in der Flüchtlingsdebatte, als das Schlagwort Abschiebung die Emotionalisierung vorantrieb und vielerorts der humanitäre Grundgedanke auf widerwärtige Weise verloren ging.
Manager dürfen offensichtlich ohne Sanktionierung dopen. Aber gilt das auch für Betrüger im Sport, einem Metier, das sich über Schweiß und Tränen definiert? Österreich hat per Eigendefinition das schärfste Antidopinggesetz der Welt (seit 2007), darin sind Haftstrafen verankert. Muss also ein Exempel statuiert werden, um sich der Wirksamkeit gewiss zu sein?
Der Spitzensport spiegelt die Gesellschaft, der Wunsch nach Siegern und Verlierern lässt die Konsumenten dem Alltag entrinnen. Doch die Wahrheit hinter dem Geschehen will keiner zur Kenntnis nehmen. Stefan Matschiner, selbst lange Zeit Doping-Manager, hielt vor zehn Jahren 80 Prozent des Fahrerfelds bei der Tour de France für gedopt. Und Leistungsdiagnostiker können angesichts der physischen Anforderungen – 3700 Kilometer und über 30.000 Höhenmeter in drei Wochen mit bis zu 40 km/h Schnitt – nur den Kopf schütteln.
Doping moralisch zu verurteilen, darf nicht dazu führen, den Spitzensport zu kriminalisieren. Betrug durch finanzielle Vorteile (Preisgeld, Sponsoren) ist zu ahnden, Nutznießer von Dopingnetzwerken haben ihre Verantwortung zu tragen. Aber Sportler in das Eck der Schwerverbrecher zu rücken, wird der Tragweite nicht gerecht. Wer würde Lionel Messi ächten und für zwei Jahre sperren, weil er mit einem Torraub den Finalsieg des Gegners verhinderte? Möglicherweise ist es das größte Manko einer öffentlichen Diskussion: Die Verhältnismäßigkeit geht verloren.

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