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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Mittwoch, 30. Jänner 2019, von Peter Nindler: "Es ist gestern passiert"

Innsbruck (OTS) - Der Missbrauch im Mädchenheim Martinsbühel ist eine
Mahnung an die Gesellschaft, hartnäckig zu sein. Die finanzielle
Entschädigung an die Opfer darf kein Ablass sein, erst die
Aufarbeitung der Vergangenheit schafft Bewusstsein.

Im Jänner 2006 übernimmt Österreich den EU-Ratsvorsitz, Italien wird
bei der WM in Deutschland Fußball-Weltmeister und Alfred Gusenbauer
stößt Wolfgang Schüssel vom Thron als Bundeskanzler. Zeitgleich
schließt das Mädchenheim Martinsbühel in der unmittelbaren
Nachbarschaft von Innsbruck, zwei Jahre später verlassen die
Benediktinerinnen Zirl. Alles noch nicht so lange her, alles noch
jüngste Vergangenheit. Damit auch der Missbrauch an den damals dort
untergebrachten wehrlosen Mädchen: psychisch, physisch, sexuell und
seelisch. Hinter den Schlossmauern zerstörten die sadistisch
veranlagten Nonnen die Zukunft ihrer Schutzbefohlenen. Rund 100
Betroffene wurden finanziell entschädigt, die Wunden bleiben. Denn
die Vergangenheit ist noch präsent und keinesfalls aufgearbeitet.
Doch Geld kann niemals ein Ablass sein, vor allem nicht im 21.
Jahrhundert. Weggeschaut und nicht richtig hingesehen haben fast alle
– in Zirl, bei den Benediktiner(innen) oder im Land Tirol. Vielfach
waren auch wir Medien in den vergangenen Jahren zu wenig hartnäckig,
weil die Geschichte von heute oft schon morgen eine für das Archiv
ist. Die Diözese Innsbruck scheiterte ihrerseits an der
Blockadepolitik des Ordens. Deshalb beschämt das Bürgerengagement,
die Petition mit mehr als 2500 Unterschriften an den Tiroler Landtag.
Es schafft gegenwärtiges Bewusstsein, dass Martinsbühel und die
schreckliche Vergangenheit nach wie vor ein dunkler Fleck in der
Fürsorgepolitik des Landes nach 1945 sind. Aufklärung tut darum mehr
als not.
Von engagierten Zeithistorikern wie Horst Schreiber, die den
Finger niemals von den offenen Wunden des Missbrauchs in den
staatlichen und konfessionellen Heimen weggezogen haben, wird das
Land in die Pflicht genommen. Die Politik reagiert mit einer
Expertenkommission. Das ist längst überfällig, aber nicht zu spät.
Gefordert sind allerdings auch die Benediktiner. Missbrauch verjährt
strafrechtlich, moralisch niemals. Geschehenes kann nicht ungeschehen
gemacht werden, vielmehr bewusst. Der Mantel des Schweigens deckt
deshalb nicht zu, sondern schafft Misstrauen; in die Institution
Kirche, in ein öffentliches System, das eigentlich die Schwächsten
der Gesellschaft schützen sollte.
Martinsbühel ist eine Mahnung an die Gesellschaft im Allgemeinen
und die Landespolitik im Speziellen. Und an kirchliche Institutionen.
Wenn sich Politik, Kirche und Öffentlichkeit im Land selbst
ernstnehmen, müssen sie ihre Verantwortung wahrnehmen. Sie ist nicht
teil- und schon gar nicht delegierbar wie eine heiße Kartoffel.

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