• 21.10.2018, 22:00:16
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel vom 22.Oktober 2018 von Florian Madl - „Aufschreien allein ist zu wenig“

Innsbruck (OTS) - Die jüngsten Missbrauchsvorwürfe gegen Ski-Legende
Toni Sailer entzweien die Gesellschaft. Dabei geht es ausschließlich
um die Schuldfrage und nicht darum, wie man sich künftig einer Kultur
des Wegschauens entgegenstemmen kann.

Die prall gefüllten Internetforen spiegeln in der neuerdings
aufflammenden Causa Toni Sailer ungeteilt Betroffenheit wider: Ein
Teil der Poster begrüßt die öffentliche Demontage des Ski-Denkmals,
das neun Jahre nach seinem Tod unsanft vom Sockel geholt wird. Auf
Basis eines möglichen Fehltritts gehen die besonders Erzürnten zur
Pauschalverurteilung des Skisports über, als stünde der
stellvertretend für Übergriffe. Manche Lobbyisten von einst und auch
jetzt würden über eine pervertierte Welt den Mantel des Vergessens
legen wollen, der sich wie unschuldiger Neuschnee über eine karge
Gletscherlandschaft legt.
Die debattierende Opposition indes bekrittelt den Umgang mit teils
anonym geäußerten Vorwürfen, die nach 40 Jahren auftauchen und
möglicherweise jeglicher Grundlage entbehren. Da ist von einer
Störung der Totenruhe die Rede und davon, dass Medien unnötig Staub
aufwirbeln würden. Sogar Sailers Status als Nationalheiligtum, als
Jahrhundertsportler, als einer, der Österreich im Cortina der
Nachkriegszeit mit Olympia-Gold aus der Depression holte, dient der
Rechtfertigung dieses Anspruchs. Eines Anspruchs, der so nicht
existiert. Was also veranlasst die Poster – obwohl viele in der
Hochzeit des Ski-Helden vielleicht noch nicht einmal auf der Welt
waren –, sich auf hasserfüllte Apologien oder Angriffe einzulassen?
Toni Sailer ist mittlerweile nicht mehr nur sportlicher Mythos, ein
Fleisch gewordener „Blitz aus Kitz“, sondern vor allem auch Synonym:
einerseits für die heile Wintersportwelt, die vom Tiroler Maler
Alfons Walde in Farben getaucht wurde und die Österreich ein Stück
weit Identität verleiht; andererseits auch für die Vorwürfe, die sich
rund um dieses Idyll ranken.
Einen differenzierten und besonnenen Zugang vermisst man in
öffentlichen Diskussionen ohnedies, im Umgang mit dem Thema #MeToo,
mit Missbrauchsdebatten ganz besonders. Die Argumentation folgt
zumeist dem Prinzip der Befindlichkeit bis hin zur politisch Prägung.
Zuletzt war dieses Wechselspiel beim Rechtsstreit um Sigrid Maurer
festzustellen, in dem die ehemalige Grüne-Politikerin auf
Facebook-Untergriffe reagierte.
Eine Debatte scheint unumgänglich: über die Causa Toni Sailer an sich
und das, was die Lehren daraus sein müssen. Dabei geht es nicht um
den Niedergang eines Denkmals, sondern vielmehr darum, die
Gesellschaft zu sensibilisieren und gegen die Kultur des Wegschauens
anzukämpfen. Nur aufzuschreien heißt, nichts gelernt zu haben.

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