• 15.10.2018, 22:00:02
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Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 16. Oktober 2018; Leitartikel von Peter Nindler: "Die schwarze Nummer eins"

Innsbruck (OTS) - Jahrelang war die bayerische CSU das große Vorbild
für die Tiroler ÖVP. Weil auch die Südtiroler Volkspartei in der
politi-schen Realität ankommt, dürften die Tiroler Schwarzmander
plötzlich die größte Volkspartei entlang der Brennerachse sein.

Im Herbst 2003 waren die Landtagswahlergebnisse beeindruckend:
60,7 Prozent in Bayern, 55,6 Prozent in Südtirol und 49,9 Prozent in
Tirol. Die drei christlich-sozialen Volksparteien CSU, Südtiroler
Volkspartei (SVP) und Tiroler ÖVP eroberten damals die absolute
Mehrheit. Wobei der seinerzeitige Tiroler Landeshauptmann Herwig van
Staa sichtlich enttäuscht an den erhofften 50 Prozent
vorbeigeschrammt ist. Schließlich waren bayerische Verhältnisse auch
in Tirol sein großes Ziel. Nur der dritte Platz an der politischen
Brennerachse schmerzte Van Staa nachhaltig. Und 15 Jahre später? Da
könnte die Tiroler ÖVP plötzlich die Nummer eins werden und die einst
unumstrittene und als Vorbild bewunderte CSU auf Platz drei
abrutschen. Wie das?
Der Südtiroler VP droht nämlich ein ähnliches Schicksal wie der
CSU in Bayern. Der volkstumspolitisch rechte Rand beginnt von der
Sammelpartei wegzudriften, vor allem die deutschsprachige Opposition
mit der rechtspopulistischen Süd-Tiroler-Freiheit und den
Freiheitlichen dürften davon profitieren. Zugleich versucht der neue
Südtiroler Politstar Paul Köllensberger nach pinker NEOS-Manier mit
sozial-liberalen Ansagen die politische Mitte zu sammeln. Die SVP
bangt nächsten Sonntag jedenfalls um jenen Vierer vor dem Ergebnis,
den ihre Tiroler Schwesterpartei im Februar mit 44,3 Prozent souverän
zurückholte.
Tirols VP hat die Erosionsprozesse mit der Liste Fritz und mit dem
unseligen Impuls-Projekt bereits hinter sich. Darüber hinaus konnte
sich Günther Platter als Landeschef etablieren und den
Landeshauptmann-Bonus an der Wahlurne ausspielen. In der ÖVP ist
Platter unumstritten, der Wahlkampf war ganz auf ihn zugeschnitten.
Und erstmals seit Jahren hatten die Schwarzmander mit ihrem
Polit-Messias und Kanzler Sebastian Kurz wieder Rückenwind aus Wien.
All das hat dem erst seit sieben Monaten amtierenden bayerischen
Ministerpräsidenten Markus Söder gefehlt. Südtirols LH Arno
Kompatscher gilt noch dazu als Zäsur zu seinem politisch allmächtigen
Vorgänger Luis Durnwalder. Darunter leidet mitunter die Volksnähe.
Allein mit Stabilität und Sicherheit zu werben, reicht folglich nicht
mehr aus. Das Gesamtpaket muss stimmen.
Alle drei Alpen-Volksparteien müssen allerdings erkennen, dass
sich die Gesellschaft wandelt, die Stammwähler weniger und die Wähler
an sich mobiler geworden sind. Regionale Polit-Oasen gibt es kaum
noch. Deshalb hat der politische Klimawandel schon längst den
baye­rischen Löwen, die Tiroler Schwarzmander und die Südtiroler
Sammelpartei erfasst.

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