• 20.09.2018, 11:50:37
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  • OTS0105

Bioethikkommission diskutiert mit ihren europäischen Partnern in Wien

Künstliche Intelligenz, Forschung und Datenschutz

Utl.: Künstliche Intelligenz, Forschung und Datenschutz =

Wien (OTS) - „Ethik in Wissenschaft und Forschung ist ein wichtiges
Thema. Nicht alles, was theoretisch möglich ist, sollte auch
umgesetzt werden. Der Forschung und ihren Forschern sind Grenzen
gesetzt, das steht außer Frage. Auf der anderen Seite sollten die
Grenzen den wissenschaftlichen Fortschritt und die wissenschaftliche
Forschung nicht behindern oder einschränken. Diese Grenzen sind oft
schwer zu definieren. Umso wichtiger ist daher, die Arbeit der
Ethik-Kommissionen“, so Wissenschaftsminister Heinz Faßmann bei der
Eröffnung des Treffens der nationalen Ethik-Kommissionen (NEC) und
der European Group on Ethics in Science and New Technologies (EGE) am
17. und 18. September in Wien.

„Diskussionsthemen der Bioethik sind immer den aktuellen
Entwicklungen unterworfen, umso wichtiger ist die Beständigkeit der
Werte. Die humanistische Grundhaltung und die Menschenrechte,
Begriffe wie Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit, sind nie
verhandelbar“, betonte Christiane Druml, Vorsitzende der
österreichischen Bioethikkommission. „Das gilt insbesondere im
Gedenkjahr 2018, denn letztlich geht die Entwicklung der
Bioethikkommissionen auf den Nürnberger Kodex zurück, der nach dem 2.
Weltkrieg erstmals die Berücksichtigung der Rechte und der Integrität
der Menschen, die in die Forschung einbezogen werden, ausdrücklich
formuliert hat.“

Wolfgang Burtscher, Generaldirektor der GD Forschung und Innovation
der Europäischen Kommission betonte in seinem Grußwort ebenso die
Bedeutung der humanistischen Werte. Die Verteidigung dieser werde
immer schwieriger in einer globalisierten Welt, die von
Wettbewerbsfähigkeit geprägt ist, deren ethische Standards aber so
unterschiedlich entwickelt seien. „Ich bin davon überzeugt, dass
Verantwortungsbewusstsein letztlich die Wettbewerbsfähigkeit stärkt“,
so Burtscher.

Künstliche Intelligenz

„Wer die künstliche Intelligenz hat, hat die Macht“, postulierte
Jeroen van den Hoven von der Delfter Technik-Universität, der die
Position der EGE erläuterte. Denn die neuen Algorithmen ermöglichten,
Menschen zu führen und zu verführen. „Wir müssen die Technik
verständlich machen, die Manipulierbarkeit der Menschen angesichts
von Big Data und Nudging, also Verhaltenssteuerung, erklären. Und wir
müssen den ethischen Rahmen festlegen, das Gebäude formen, das uns
formen wird, wie schon Winston Churchill sagte. Das Maß der Ethik
wird in Europa auch der Gradmesser für unsere Wettbewerbsfähigkeit
sein“, so van den Hoven.

„Künstliche Intelligenz ist das Schlagwort des Jahrzehnts“,
formulierte es Christiane Woopen, Vorsitzende der EGE. Es gebe
mittlerweile viele nationale Strategien. Der internationale Austausch
darüber sei bisher eher gering. Jetzt setze die Europäische
Kommission neue Initiativen. Zum Themenbereich wurden die drei
EU-Projekte „Sienna“, „Sherpa“ und „Panelfit“, die von Horizon 2020
finanziert werden, vorgestellt. Diese fokussieren vor allem auf die
Strukturierung des hochkomplexen Bereiches und die Entwicklung von
ethischen Instrumenten und Rahmenwerken.

Sabine Köszegi von der Technischen Universität Wien berichtete, dass
auch im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und
Technologie eine „Strategie für verantwortungsvolle Robotik und
Artificial Intelligence“ entwickelt werden solle und dafür der
österreichische Rat für Robotik und künstliche Intelligenz
eingerichtet wurde. „Wir stehen im Spannungsfeld, Innovation zu
ermöglichen und Regulationsmechanismen zu finden, um unsere Werte zu
sichern“, so Köszegi. Der Rat, in dem Fachleute und Sozialpartner
eingebunden sind, will künftig auch ein Weißbuch herausbringen.

Zukunft der Arbeit

Das Thema „Die Zukunft der Arbeit“ stand ebenso auf der Agenda der
Tagung. Siobhán O’Sullivan von der Universität Dublin und Barbara
Prainsack von der Universität Wien berichteten vom seit 2017
laufenden EU-Projekt, das die Auswirkungen der Digitalisierung auf
den Arbeitsmarkt untersucht. Zu den Motoren der Entwicklung gehöre
die Globalisierung, die Demographie – 30 Prozent der EU werde in 20
Jahren über 65 Jahre alt sein – und die rasante Entwicklung der
Technologien. Die Menschen seien selbst die Gestalter der zukünftigen
Arbeit und des Arbeitsmarktes, postulierte O‘Sullivan. Wenn
Erwerbsarbeit bisher Grundlage für ökonomische Sicherheit,
Sozialstatus, Identität und Freiheit war und als Architekt der
Gesellschaftsstruktur wegfalle, stelle sich die Schlüsselfrage:
„Welche Werte werden die strukturierenden Grundlagen für unsere
Gesellschaft sein?“, so Prainsack.

Medizinische Forschung und Datenschutz

Durch die neuen Technologien und die Möglichkeit, größere Mengen an
Daten zu vergleichen und zu verknüpfen, entstünden große Chancen für
Diagnosen, für präzisere Prognosen, für Ursachenforschung wie für
Präventionsmaßnahmen, erläuterte Stefan Thurner von der Medizinischen
Universität Wien. Der Datenschutz werde in Wien durch die
Anonymisierung der Patientendaten gewährleistet.

Der Jurist Federico de Montalvo Jääskeläinen von der spanischen
Bioethikkommission wies auf die Herausforderung der medizinischen
Forschung im Spannungsfeld vom Schutz der Privatsphäre und dem Recht
auf körperlicher Unversehrtheit hin. Dem Recht auf optimale
Behandlung stehe, so scheint es oft, das Recht auf Datenschutz
entgegen. Der „informed consent“, also die Zustimmung von Patienten
nach Aufklärung darüber, was mit ihren sensiblen Daten weiter
geschieht, sei eine wichtige Forderung. Auch Anonymisierungen könnten
die längerfristige Nutzung von Daten ermöglichen.

Dem schloss sich auch Charalampos Savakis von der Universität Kreta
an, der vom Standpunkt der griechischen Bioethikkommission
berichtete. Als Voraussetzung für eine fortgesetzte Nutzung von
Gesundheitsdaten solle entweder Zustimmung oder – „highly
recommended“ – die Anonymisierung der Daten stehen. Die Empfehlungen
der griechischen Ethikexperten: Die Nutzung von Gesundheitsdaten
müsse einem Ethik-Code unterliegen, der wiederum von internationalen
Ethikkommissionen kontrolliert werden müsste. Von diesen werde
allerdings auch Expertisen bei neuen Technologien erwartet.

Die Juristin Christiane Wendehorst von der Universität Wien, Mitglied
der österreichischen Bioethikkommission, wies darauf hin, dass das
österreichische Forschungsförderungsgesetz der Forschung sehr
entgegengekommen sei. Weiteren Diskussionsbedarf gebe es aufgrund der
divergierenden Umsetzung des Datenschutzes in den einzelnen
Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Ben Hayes von Data Protection
Support & Management Ltd. ging auf die Rolle der
Datenschutz-Folgenabschätzung ein, die ein „Begleiter in Fragen der
Forschungsethik“ sein könne. Doch stelle sich immer wieder die Frage,
ob regulatorische Lücken mithilfe ethischer Grundsätze ausgefüllt
werden können.

Über die Herausforderungen des Datenschutzes in Biobanken referierte
Ulrike Felt von der Universität Wien. Diese Datenbanken, die Stoffe
wie Gewebeproben oder Körperflüssigkeiten sammeln, seien heutzutage
ein essentielles Element der Forschungsinfrastruktur. Marjo Rauhala
von der Technischen Universität Wien befasste sich mit ethischen
Fragen in den Sozialwissenschaften und wies auf eine erhöhte
Aufmerksamkeit, gerade für besonders schutzbedürftige
Personengruppen, hin.

Internationale Abstimmung notwendig

Abschließend gaben auch die Vertreter von WHO, Andreas Reis, und
UNESCO, Dafna Feinholz, einen Überblick über den Diskussionstand. Die
ethischen Fragen der künstlichen Intelligenz wie auch des
Datenschutzes würden immer mehr in den Fokus der Organisationen
treten und zu Grundsatzbeschlüssen und Empfehlungen führen. Die
UNESCO möchte eine noch aktivere Rolle bei der weltweiten
Koordination der Diskussion einnehmen, stehen ihr doch in einem
multinationalen und interdisziplinären Umfeld wichtige
Instrumentarien dafür zur Verfügung.

Isidoros Karatzas von der Europäischen Kommission rief abschließend
zu einer Fortsetzung und Vertiefung der Zusammenarbeit unter den
Expertinnen und Experten der Mitgliedstaaten auf. Es sei zudem
wichtig, einen laufenden Dialog mit allen Stakeholdern zu führen, die
Datenschutzdebatten in den nationalen Parlamenten zu verfolgen und
sich aktiv in den Meinungsbildungsprozess einzubringen. Foren wie das
„National Ethics Councils Forum“ und die „European Group on Ethics in
Science“ seien geeignete Gremien, um den Austausch untereinander zu
vertiefen.

Anlässlich des NEC-Forums werden auf der Website der
Bioethikkommission auch die beiden zuletzt angenommenen
Stellungnahmen „Medizin und Ökonomie“ und „Roboter in der Betreuung
alter Menschen“ in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht.

Fotos von dieser Veranstaltung sind in Kürze unter folgendem Link
abrufbar:
https://www.flickr.com/photos/eu2018at/albums

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