Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 15. September 2018. Von ALOIS VAHRNER. "Finanzkrise und neue Gefahren".

Innsbruck (OTS) - Auch zehn Jahre nach ihrem Ausbruch wirkt die globale Finanzkrise noch immer massiv nach. Der Brand wurde gelöscht, die Vorsorge gegen neue verheerende Finanzbrände ist aber immer noch zu halbherzig.

Heute exakt vor zehn Jahren passierte der vielleicht größte Finanzschock der Geschichte, mit Auswirkungen bis heute. Die US-Investmentbank Lehman Brothers musste am 15. September 2008 Insolvenzantrag stellen. Keine Riesenbank, aber eine, in der viele faule Immobilienkredite zu toxischen Wertpapieren verpackt und mit dubiosen Gütesiegeln großer Ratingagenturen versehen wurden. Als die Preise am US-Häusermarkt zu sinken begannen und die Hypotheken der überschuldeten Eigenheimer wertlos wurden, kam es zum Flächenbrand. Es kam zu heftigen Turbulenzen an den Börsen, das internationale Finanzsystem drohte zu implodieren. Die rasant über den ganzen Globus ausgebreiteten Schockwellen ließen den Welthandel einbrechen, in vielen Ländern stürzte die Wirtschaft in eine tiefe Rezession.
In einer gewaltigen Feuerwehraktion mussten allein die USA und die EU-Staaten mit der unglaublichen Summe von über 800 Mrd. Euro das Finanzsystem vor dem sons­tigen Kollaps retten – zusammen mit den Notenbanken, die drastische Zinssenkungen durchführten und bis heute Irrsinnsgelder ins System pumpten. In Europa folgte auf die Finanzkrise die Schuldenkrise, das Euro-System geriet wegen seiner Krisenländer wie Griechenland massiv ins Wanken.
Es waren dramatische Monate und Jahre, in denen glücklicherweise das Schlimmste mit außergewöhnlichen Mitteln verhindert werden konnte. Doch der Preis, der dafür zu zahlen war, war sehr hoch, exorbitant hoch. Auch ein Jahrzehnt später wirkt die Finanzkrise noch immer stark nach.
Der Großbrand des Finanzsystems konnte gelöscht werden, doch wurden die richtigen Schlüsse gezogen, damit Vergleichbares oder sogar noch Ärgeres nicht mehr passieren kann? Lehman war keine besonders große Bank, doch sie hätte beinahe das globale Finanzsystem in den Abgrund gezogen. Zweifellos wurden Vorschriften für verschiedenste Finanzgeschäfte verschärft, es kamen Stresstests für Finanzinstitute. Aber viele Regelungen blieben zu mutlos und zu halbherzig. Und in den USA ist die Trump-Regierung dabei, die Gesetze aus der Obama-Ära zu lockern, die als Lehre aus der Finanzkrise beschlossen worden waren. Das Finanzsystem sei heute viel stabiler, wird versichert. Aber ob das im Fall der Fälle ausreicht, ist eine andere Frage. Denn viele Probleme wurden mit der Geldschwemme der Notenbanken nur zugedeckt. Neue Finanzblasen, Immobilien­spekulationen oder Schulden der Schwellenländer sind gefährlich. Die Welt muss sehr wachsam bleiben.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001