TIROLER TAGESZEITUNG AM SONNTAG "Leitartikel" Sonntag, 12. August 2018, von Max Strozzi: "Weckruf aus den USA"

Ein US-Urteil hat das Potenzial, die Glyphosat-Debatte anzuheizen. Für Europa kommt das einige Monate zu spät. Leider.

Innsbruck (OTS) - Ein US-Urteil heizt die Debatte ums Glyphosat wieder an. Geschworene attestierten einem 46-Jährigen, durch das Pflanzengift an Lymphdrüsenkrebs erkrankt zu sein und verdonnerten die Bayer-Tochter Monsanto in erster Ins­tanz zu 289 Mio. Dollar Schadenersatz. Das US-Urteil ist der nächste Weckruf für viele EU-Staaten. Sie hatten mehrere Alarmglocken zur Krebsgefahr des Herbizids zuvor überhört – vor allem den Befund der Weltgesundheitsorganisation, die Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft hatte. Trotz aller Bedenken haben 18 von 28 EU-Ländern Ende 2017 mit Bauchweh und unter lautem Protest die Zulassung des Pflanzengifts in Europa um fünf Jahre durchgeboxt. Sie folgten damit der Agrarindustrie und Studien eigener Behörden, denen vorgeworfen wurde, passagenweise von Industriepapieren abgeschrieben und Krebsbefunde nicht berücksichtigt zu haben. Im Raum stehen auch Abhängigkeiten zwischen Industrie, Untersuchungslabors und Behörden. Glyphosat ist das weltweit meistverwendete Unkrautvernichtungsmittel. Seit 1974 wurden 8,6 Milliarden Kilogramm versprüht. Und der Widerstand wächst. Ein Gericht in Brasilien hat den Glyphosat-Einsatz ausgesetzt, in Argentinien wird revoltiert, weil seit der Zulassung 1996 die Krebsfälle unter Bauern gestiegen sind. Französische Imker wiederum fanden jüngst Gylphosat-Rückstände im Honig. Und eine neue Untersuchung unabhängiger Forscher erhärtet den Verdacht von Gesundheitsgefahren durch das Pestizid. Europa hat sich trotzdem dafür entschieden, uns das Pflanzengift weitere fünf Jahre zuzumuten. Immerhin will Brüssel nun die Zulassungsprozedur reformieren. Auch ein Eingeständnis.

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