Wiener Tierschutzverein: Fiaker - Initiative verkauft Tierquälerei als Tradition

Fragwürdige Initiative pro Fiaker verwechselt Tierquälerei mit Tradition. Stadträtin Sima schweigt sich indes zu Fiakern aus und schiebt das Thema neuerdings ab.

Vösendorf (OTS) -  „Der Begriff Tradition muss sich in der heutigen Zeit einiges gefallen lassen. Er wird für Rassismus, Fremdenhass und neuerdings auch für Tierquälerei missbraucht“, sagt Madeleine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins (WTV). Während immer mehr Menschen die Pferdekutschen in der Wiener City ablehnen, hat sich jüngst mit „Pro Fiaker Kultur“ eine Initiative zum Erhalt der Fiakerpferde Wiens gegründet.

Sie besteht aus Politikern unterschiedlicher Couleur: Rot, Schwarz/Türkis sowie Blau sind vertreten. Was besonders befremdlich ist, da sich in genannten Parteien auch viele Gegner der Fiaker finden, die sich des Öfteren über die Meiden dagegen haben. „Da ist es wahrlich kein Wunder, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger nun fragen, wem da noch zu trauen ist“, so Petrovic. Die Argumente, die jene Initiative pro Fiaker vorbringt, beinhalten größtenteils mangelndes Fachwissen und eine Interpretation des Traditionsbegriffs, der noch aus den vorigen Jahrhunderten zu stammen scheint.

Fadenscheinige Argumente

„Wer Argumente gegen ein Fahrverbot für Pferde ab 30 Grad vorbringt wie - das sei, als würde man sich einen Eisbären im Winter ins Wohnzimmer holen - und Tierquälerei mit einem Weltkulturerbe gleichzusetzen versucht, der kann von Pferden keine Ahnung haben. Es entsteht der Eindruck, als gehe es hier nicht um das Wohl der Tiere, sondern einzig und alleine darum, um einige erzkonservative Wählerstimmen zu buhlen und die eigenen Interessen zu verfolgen. Wie glaubwürdig ist das noch?“. Denn einige Mitglieder dieser Initiative haben selbst einen Fiakerschein.

Politik behinderte zeitgemäße Änderungen

Bedingt durch die Klimaerwärmung wird das Thema Fiaker jedenfalls immer brisanter, die bisher zuständige Politik (Umweltstadträtin Ulli Sima) aber immer ignoranter. „Wir hätten schon lange über sinnvolle, zeitgemäße Änderungen - nicht über ein Totalverbot- reden wollen. Auch unter den Fiakern selbst gibt es etliche progressiv denkende, denen das Herumstauen in der wirtschaftlich total überhitzten Wiener City schon lange ein Dorn im Auge ist und die erst ab der Ringstraße Interesse an längeren Fahrten haben. Das klingt vernünftig, darüber sollten wir reden“, sagt Petrovic. Ebenso sollte über neue, bessere Initiativen  gesprochen werden, anstatt so zu tun, als könne man alles beim „Alten" belassen, obwohl erkennbar sei, dass das „Alte“, sprich Klima und Verkehr, nicht gleich bleiben. Petrovic: „In einer dynamischen Welt brauchen wir eine dynamische Politik, einen dynamischen Tierschutz und moderne, zeitgemäße Fiakerbetriebe. Tradition im Sinne von „Nichts darf sich ändern“ ist hier völlig fehl am Platz, denn es ändert sich ständig etwas.“

Umweltstadträtin nicht mehr zuständig?

Apropos Glaubwürdigkeit: Besonders fragwürdig in der Diskussion um die Fiaker ist, dass Wiens Umwelt- und Tierschutzstadträtin Ulli Sima mittlerweile jegliche Verantwortung für die Fiakerpferde von sich schiebt und ihr Büro bei Anfragen zu diesem Thema neuerdings auf die MA 65 (Rechtliche Verkehrsangelegenheiten) verweist. Zur Erinnerung: Sima schien bei der Umsetzung der neuen, für den WTV jedoch mangelhaften, Regelungen für Fiaker sehr wohl noch zuständig, immerhin hatte sie diese damals präsentiert. Auch im Jahr 2017 besuchte sie noch medienwirksam einen Fiakerbaron Wiens. „Was von einer Umweltstadträtin zu halten ist, die plötzlich jede Verantwortung für ein Thema, das klar in ihr Ressort fällt, von sich weist und stattdessen lieber Deos in Wiener U-Bahnen verteilt, möge jede Wienerin und jeder Wiener für sich selbst entscheiden“, so Petrovic. Eine offizielle Bestätigung durch die MA65 steht jedenfalls noch aus.

Letztere hat den Ball, ob offiziell oder nicht, jedenfalls dankend aufgenommen und dürfte ihre „neu gewonnene“ Verantwortung ernster nehmen, als die Umweltstadträtin dies bisher tat. Denn am gestrigen Mittwoch, dem offiziell heißesten Tag des Jahres, wurden von der MA65 die geltenden Regelungen streng kontrolliert und bei Bedarf auch sanktioniert.

WTV fordert klare Zuständigkeiten

Der Wiener Tierschutzverein fordert daher klare Zuständigkeiten in Sachen Fiaker sowie die dringend nötige Nachbesserung bei den Regelungen: Hitzefrei für Fiaker ab 30 Grad, ein Fahrverbot für die Wiener Innenstadt und stattdessen Ausweichstrecken im Wiener Umland (Grüner Prater, Hermesvilla, Donauuferweg, etc.). „Pferdekutschen haben in der modernen Wiener City mit Verkehr, Lärm und Menschenmassen längst nichts mehr verloren. Wer immer noch nicht kapiert hat, dass Pferde Steppentiere sind, sollte dringend Nachhilfeunterricht nehmen. Und mit Traditionen ist das übrigens so eine Sache. Es war auch einmal Tradition, Kinder in der Schule körperlich zu züchtigen“, sagt Petrovic.

Neue Chance für Gespräche

„Sollte die Zuständigkeit wirklich klammheimlich gewechselt haben, ist dies zwar ein Armutszeugnis für die Umweltstadträtin, aber für die Tierschutzbewegung auch eine neue Chance für einen sachlichen Diskurs zum Thema Fiaker. Denn dieser war mit Frau Sima bisher nicht möglich. Vielleicht zeigt sich die MA 65 offener für konstruktive Gespräche. Wir sind es jedenfalls.“, so Petrovic abschließend.

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