• 21.06.2018, 20:55:15
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TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 22. Juni 2018 von Anita Heubacher - Wer nichts weiß, muss alles glauben

Innsbruck (OTS) - Eine funktionierende Demokratie braucht ein
Mindestmaß an politischer Bildung. Daran hapert es aber nicht nur an
Schulen, sondern auch bei Erwachsenen. Eine entpolitisierte
Gesellschaft wählt, wenn überhaupt, die Vertreter für alle.
Politische Bildung an Österreichs Schulen hängt stark vom Engagement
der Lehrer ab. Als eigenes Fach wird es nach wie vor nur an
Berufsschulen unterrichtet. Seit 2016 ist die politische Bildung ein
Anhängsel, pardon Modul, im Pflichtfach Geschichte an AHS und Neuen
Mittelschulen. Zum eigenen Fach hat es die politische Bildung auch
nach jahrelangen Diskussionen nicht geschafft. Zu groß war die Angst
vor politischer Einflussnahme und je nach Blickwinkel betrachtet, die
Einflussnahme in die falsche Richtung. Österreich war ein Vorreiter
beim Wählen mit 16, aber ist in der EU immer noch ein Nachzügler bei
politischer Bildung.
Dieses Manko wurde früher eher noch durch ein politisiertes Umfeld
ausgeglichen, heute bleibt es zum größten Teil bestehen, auch weil
Erwachsene sich zunehmend entpolitisieren. Galt es noch vor einem
Jahrzehnt als peinlich, nichts von politischen Debatten mitzubekommen
und die Protagonisten vom Bundeskanzler abwärts nicht zu kennen,
grinsen heute Erwachsene ihre Unwissenheit in Fernsehkameras. Zum
Gaudium des Publikums, das sich beruhigt zurücklehnen kann: Die
eigene Unwissenheit befindet sich in bester Gesellschaft.
Zur Politikverdrossenheit haben etablierte Medien viel beigetragen.
Installiert als vierte Macht im Staat und per Definition dazu
berufen, den Regierenden auf die Finger zu schauen, hat sich die
Branche teilweise überdribbelt und ein äußerst negatives Bild der
Politik gezeichnet. Die Art der Berichterstattung konnte sich jedoch
der Rezipient aussuchen. Heute trifft ein Algorithmus diese
Entscheidung. Die, die sich ausschließlich oder vorwiegend über
Facebook und Co. informieren, stecken in einer Filterblase fest und
bekommen die Nachrichten serviert, die eine Maschine für sie
zusammenstellt. Wie einen gemeinsamen, öffentlichen Diskurs zustande
bringen, wenn jeder in seiner Blase lebt?
Auf dem jeweiligen, mitunter auch dürftigen, Wissensstand fällt nun
die Entscheidung an der Wahlurne. Wer nichts weiß, muss alles
glauben. Das ist in der Demokratie besonders bitter, weil es den
Wahlausgang beeinflusst, den dann alle zur Kenntnis nehmen müssen.
An dieser Stelle sei auf die Präsidentschaftswahlen in den USA, die
dortigen Wahlmanipulationen über Social Media und den jetzigen
Präsidenten Donald Trump verwiesen. Entpolitisierung tut der
Demokratie und dem gedeihlichen Zusammenleben einer Gesellschaft
nicht gut. Es steht also viel auf dem Spiel.

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