- 24.05.2018, 09:30:21
- /
- OTS0031
Überall ist Zukunft: Gesellschaft im digitalen Zeitalter gestalten
Bundesratspräsident Todt lud zu Buchpräsentation und Podiumsdiskussion ins Parlament
Utl.: Bundesratspräsident Todt lud zu Buchpräsentation und
Podiumsdiskussion ins Parlament =
Wien (PK) - "Wenn wir uns heute die soziale Frage stellen, dann führt
kein Weg daran vorbei die Auswirkungen der fortschreitenden
Digitalisierung zu betrachten", betonte Bundesratspräsident Reinhard
Todt gestern Abend im Parlament in seiner Begrüßung zur
Buchpräsentation "Überall ist Zukunft - Die Gesellschaft im digitalen
Zeitalter gestalten". Die Herausgeberin, Sylvia Kuba, Leiterin des
Programms Digitalisierung der Arbeiterkammer Wien und der Redaktion
des A&W-Blogs, Mitglied des österreichischen Rates für Robotik,
stellte inhaltliche Aspekte der Publikation des ÖGB-Verlags vor. Im
Anschluss diskutierten ExpertInnen am Podium grundsätzliche
gesellschaftspolitische Herausforderungen der digitalen Zukunft.
Todt: Digitalisierung stellt Gesetzgeber und Gesellschaft fast
täglich vor neue Herausforderungen
Das Buch "Überall ist Zukunft" passe perfekt zum Schwerpunkt seiner
Präsidentschaft im Bundesrat "Digitale Zukunft sozial gerecht
gestalten", unterstrich Reinhard Todt. In der sozialen Frage führe
kein Weg daran vorbei, die Auswirkungen der fortschreitenden
Digitalisierung zu betrachten. Todt ging dazu auf die Bereiche
Arbeit, Bildung, Smart Cities und Datenschutz ein. So sei etwa für
junge Menschen ein fixer Arbeitsplatz heutzutage schon eine
Seltenheit. Die schulische Bildung verliere an Bedeutung,
Informationen können zu jedem beliebigen Thema immer und überall
abgerufen werden. Darüber hinaus würden Geschäfte, die mit
verwerteten Daten gemacht werden können, eine Macht schaffen, die in
Geldwert nicht zu fassen sei. Der Kontrollverlust des Menschen über
die selbst erschaffene digitale Welt gipfle hier, so der
Bundesratspräsident. Durch all diese Entwicklungen würden der
Gesetzgeber und die Gesellschaft fast täglich vor neue
Herausforderungen gestellt. Todt begrüßte, dass nun mit dem Buch
"Überall ist Zukunft" die unterschiedlichen Bereiche des Lebens auf
die Realität heruntergebrochen werden und es gleichzeitig aufzeigt,
wie frei von Regeln und Normen die digitale Welt ist und welche Macht
mit ihr einhergeht.
Kuba: In Digitalisierung prallen unterschiedliche Interessen
aufeinander
Wie wirkt Digitalisierung auf die Gesellschaft? Wie beeinflusst sie
die Arbeitswelt? Wie setzen wir Technik ein, damit sie nicht nur
einer kleinen Elite, sondern der breiten Bevölkerung nützt? Und wie
gestalten wir die Regeln neu, um die Tür zu einer gerechteren
Gesellschaft zu öffnen? Diese und weitere Fragen werden in der
Publikation "Überall ist Zukunft" thematisiert, das Herausgeberin
Sylvia Kuba vorstellte. Zahlreiche AutorInnen widmen sich darin den
Facetten der Digitalisierung in der Arbeitswelt, angefangen von
Arbeitsmarkteffekten über die Sharing Economy, von Crowdwork bis zu
Datenschutz, Bildung und Smart City.
Jedes Problem der Digitalisierung wirft auch eine Million
Verbesserungsmöglichkeiten der Welt auf, sagte Kuba. Digitalisierung
sei aber kein neutraler Prozess, es prallen in der Entwicklung
unterschiedlichste Interessen aufeinander. Etwa am Beispiel der Co-
Worker, dem System von Foodora, oder in der automatisierten
Beantwortung von Kundenanfragen zeigen sich vielschichtige neue
Machtabhängigkeitsverhältnisse. Teils stelle sich auch die Frage der
Würde des Menschen, wenn beispielsweise ein Computerprogramm
MitarbeiterInnen im Call Center ermahne, wenn ihre Stimme nicht
freundlich genug klinge. Es gelte, den Hausverstand nicht zu
verlieren, prekäre Arbeit sei keine Innovation. Dringend zu
diskutieren sei, wem Profite zugutekommen, so Kuba im Hinblick auf
Besteuerung für digitale Konzerne, aber auch in Bezug auf das
sogenannte "Öl der Zukunft", nämlich Daten. Sie verwies zudem auf
Entwicklungen seit der Industrialisierung - Arbeitsplätze seien immer
auch deshalb entstanden, weil ArbeitnehmerInnen begonnen haben, sich
zu organisieren, Stichwort produktivitätsorientierte Lohnpolitik und
damit einhergehende massive Arbeitszeitsenkungen im Lauf der Zeit.
Statt Arbeitszeitverlängerungen biete sich durch Innovationen jetzt
wieder die Gelegenheit für Verkürzungen, unterstrich Kuba. Wenn so
viele Innovationen am Ende dazu führen, dass alle länger und für
weniger Geld arbeiten, sei etwas schiefgegangen.
Digitalisierung zwischen Differenzierung und rascher
Weiterentwicklung
Über die Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeit und Gesellschaft
diskutierten anschließend am Podium Thomas Lohninger (Epicenter
Works), Annika Schönauer (Forschungs- und Beratungsstelle
Arbeitswelt, Wien), Klemens Himpele (Leiter der Abteilung Wirtschaft,
Arbeit und Statistik, Stadt Wien) und Heinrich Himmer (Präsident des
Wiener Stadtschulrats).
Einig waren sich die RednerInnen in ihrem Lob und der Leseempfehlung
für die vorliegenden Publikation. Thomas Lohninger sprach sich
darüber hinaus dafür aus, Regulierungen für neue Bereiche insofern
klug anzulegen, als Innovation von unten zugelassen werden soll,
zugleich aber die Wertegesellschaft in die Zukunft zu retten, etwa im
Hinblick auf Arbeitsrechte. Bestehende Regularien sollten jedenfalls
verpflichtend sein, es gelte aber auch, Möglichkeiten zu lassen für
neue Player. Die Minimalforderung gegenüber großen Plattformen sei
mehr Transparenz, es brauche aber auch die Möglichkeit der
Interoperabilität, Daten zu anderen Anbietern mitnehmen zu können.
Mediale Grundbildung sei auf der Anwenderseite ebenso wichtig wie ein
Update für den Rechtsstaat, mit dem Internet umzugehen.
Annika Schönauer plädierte dafür, in der oft technologiegetrieben
Diskussion immer wieder zu differenzieren, gerade in Bezug auf die
Arbeitswelt. So sei etwa die Situation in KMUs ganz anders als in
großen Betrieben. Schönauer sprach auch das Thema gesundheitliche
Auswirkungen neuer Technologien an, unter anderem einen Beitrag im
Buch zu neuen Krankheitsbildern durch Virtual Reality, Stichwort
Technikstress. Das seien aber Phänomene, die es beispielsweise auch
in den Anfangszeiten des Bahnfahrens bereits gab. Die Frage sei hier
immer, wie die Gesellschaft lerne, mit neuen Technologien zu leben.
Von starken, revolutionären Jobverlusten in der nahen Zukunft geht
sie nicht aus, weil auch teilweise alte Technologien noch nachwirken
und die neuen weniger in Betrieben angekommen sind, als man
vielleicht denkt.
Aus Sicht der Stadt Wien will Klemens Himpele in der Diskussion
zwischen Rechtssetzung bzw. -regulierung und der entscheidenden
Rechtsdurchsetzung deutlich unterscheiden. Er ist überzeugt, dass
viele Fragen ein Rechtsdurchsetzungs- und kein Rechtssetzungsproblem
sind. An Rechtssetzungsangelegenheiten sieht er etwa die der
Besteuerung auf EU-Ebene, im Arbeitsrecht hinsichtlich
Arbeitnehmervertretungsmöglichkeit der Selbständigen auf Bundesebene,
oder auch solche der Stadt Wien etwa im Hinblick auf
Nächtigungsplattformen, teilweise im Transportwesen oder im
Onlinehandel. Zum Handel könne etwa serviceorientiert angesetzt
werden, Produkte vor Ort über eine Plattform auffindbar zu machen. Er
habe nichts gegen eine Suche der Ferienwohnung im Internet, so
Himpele, wolle aber einen fairen Wettbewerb, damit BürgerInnen einen
Mehrwert bekommen. In der Diskussion um Uber und Taxis sieht er da
wie dort Verbesserungspotential. Letztlich sei aber die Frage, welche
Qualität und Wertigkeit Arbeit habe, hier werde auch vieles
verschleiert. Die Pizzabestellung in Wien stehe jedenfalls nicht in
internationaler Konkurrenz, sagte Himpele, der sich Wien als Zentrum
eines digitalen Humanismus gut vorstellen kann.
Heinrich Himmer sieht eine sehr hohe Erwartungshaltung im
Bildungsbereich, beispielsweise hinsichtlich rasch hoch ausgebildeter
TechnikerInnen. Thema sei aber auch immer die Wertigkeitsfrage, etwa
wenn es um Lehre und Maturaschule bzw. traditionelle Handwerksberufe
geht. Zu diskutieren sei dabei, wie Bildung auf alle
Herausforderungen der Digitalisierung vorbereiten könne und wenn, vor
welchem Hintergrund. Wie Wissen gerecht aufgeteilt werden könne,
wurde auch in den früheren technologischen Veränderungen nicht
gelöst. Für Arbeitsplätze der Zukunft werde Anwendungswissen
jedenfalls nicht reichen, so Himmer, diese Prozesse seien auch zu
gestalten. Aufpassen müsse man auch, dass Digitalisierung nicht zur
"Technikhütte" werde, zeigte er sich überzeugt, dass es in der
Bildung immer Menschen brauche, den Transfer zu schaffen.
Durch die Veranstaltung im Dachfoyer im Parlament in der Hofburg
führte als Moderatorin Lara Hagen (Redakteurin Chronik, Der
Standard). (Schluss) mbu
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie auf der Website
des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NPA






