• 03.05.2018, 22:00:01
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Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 4. Mai 2018; Leitartikel von Florian Madl: "Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt"

Innsbruck (OTS) - Der Straßenradsport scheint wieder dort angekommen,
wo er Ende des vergangenen Jahrtausends schon einmal war. Aus der
Doping-Sackgasse gibt es offensichtlich kein Entkommen, das Regulativ
der Verantwortlichen bleibt ein zahnloses.

Die Beweisführung im Sport ist eine Sache für sich. Selbst Videos,
mit deren Hilfe im Fußball mittlerweile nachträglich Strafstöße oder
Ausschlüsse argumentiert werden, gelten nicht mehr als eindeutig. Wie
also soll ein Sportler des Dopingmissbrauchs überführt werden, wo
doch die medizinische Notwendigkeit ein verbotenes Präparat
legitimiert? Im Fall des Straßenradsportlers Chris Froome, der ab
heute dem Giro d’Italia besondere Aufmerksamkeit beschert, ist es so:
Da lamentiert der vierfache Tour-de-France-Gewinner, dass eine
Asthmaerkrankung die Überdosis eines zuerkannten Medikaments erklären
würde. Und weder die Weltantidopingagentur noch der
Radsportweltverband können die erwünschte Suspendierung durchsetzen.
Hier wedelt der Schwanz mit dem Hund.
Der einzige Nutznießer ist im besonderen Fall Israel, das für
kolportierte 28 Millionen Euro die ersten drei Etappen der
Italien-Rundfahrt 2018 austragen darf. In internationalen Medien
nimmt die Nahost-Thematik eine vergleichsweis­e untergeordnete Rolle
ein, die in 197 Ländern ausgestrahlte Tourismuswerbung muss also kaum
Störfeuer durch Themen wie Siedlungspolitik und Gaza-Streifen
befürchten. Dazu passt, dass Chris Froome Berichten zufolge von
Israel 1,4 Millionen Euro Startgeld erhalten haben soll – unerwünscht
sieht anders aus.
Der Straßenradsport erinnert einmal mehr an seine dunklen Zeiten, als
täglich Polizeimeldungen von Doping-Razzien die Runde machten.
Nachrichten von überführten Sportlern, die ihre Präparate in den
Caravans der Familienangehörigen mit auf (die) Tour nahmen und sich
eben dort getunt haben sollen. Jene, die damals am lautesten
Sauberkeit forderten, traten später als Gutmenschen oder
Radsport-Experten auf. Sie zeigten sich geläutert und erwähnten
gerne, dass auch im so finanzstarken Fußball nicht alles mit rechten
Dingen zugehe.
Chris Froome hat wie sein britischer Vorgänger Bradley Wiggins
seinem Sport zu zweifelhafter Aufmerksamkeit verholfen. Dem
Letztgenannten, ebenfalls Asthmatiker, wurde der Titel „Sir“ wohl
nicht zu Recht zuerkannt. Aber selbst ein Untersuchungsausschuss des
britischen Sportministeriums biss sich am Volkshelden die Zähne aus.
So schön er ist, der Radsport, er hat seine Schattenseiten. Und es
steht nicht zweifelsfrei fest, ob die Verbandsverantwortlichen mit
ihren Regeln oder mittlerweile die Sportler selbst die Zügel in
Händen halten.

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