- 23.01.2018, 21:35:05
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Arena Analyse 2018: Bildung und Zivilgesellschaft sind Schlüssel für gesellschaftlichen Zusammenhalt
Bundesratspräsident Todt lud zur Präsentation der Studie ins Parlament
Utl.: Bundesratspräsident Todt lud zur Präsentation der Studie ins
Parlament =
Wien (PK) - Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird auf
unterschiedlichen Ebenen und durch vielfältige Aspekte schwächer: So
lautet im Kern der Befund der Arena Analyse 2018 unter dem Titel "Wir
und die anderen", die heute auf Einladung von Bundesratspräsident
Reinhard Todt im Parlament präsentiert wurde. Erstellt wurde der
Bericht aus einer Befragung von über 50 Expertinnen und Experten von
Kovar & Partners in Kooperation mit der Tageszeitung "Der Standard"
und der Wochenzeitung "Die Zeit". Die Conclusio aus den gesammelten
Erkenntnissen ist die Empfehlung, den Zusammenhalt in der
Gesellschaft durch politische Maßnahmen zu stärken - als zentrale
Schlüssel dafür werden Bildung und zivilgesellschaftliche Aktivitäten
identifiziert.
Todt: Politik muss sich darum kümmern, dass die Gesellschaft nicht
auseinanderdriftet
Digitalisierung und Globalisierung haben Auswirkungen auf die
Lebenswelt, sagte zur Begrüßung Bundesratspräsident Reinhard Todt. Er
verstehe die Verunsicherung der Menschen durch diese Veränderungen.
Diesen Herausforderungen müsse man sich stellen - die Politik müsse
sich darum kümmern, dass die Gesellschaft nicht auseinanderdriftet.
Der Befund der Arena Analyse umfasse Fragen, die es zu behandeln
gelte, etwa die Polarisierung in der Gesellschaft, Entfremdung von
Stadt und Land sowie Autonomiebewegungen. Die Länderkammer des
Parlaments widmet sich seit 2015 intensiv dem Thema Digitalisierung,
betonte Todt, er selbst hat seine Präsidentschaft unter das Motto
"Digitale Zukunft gerecht gestalten" gestellt. Die Arena Analyse
schaffe eine gute Grundlage für künftige Diskussionen. Für Februar
stellte der Bundesratspräsident eine Online-Konsultation und eine
Veranstaltung zum Thema Digitalisierung und Arbeitswelt in Aussicht,
im März ist ein Enquete geplant.
Osztovics: Paradoxer Anspruch an Zusammenhalt mit vielfältigen
Gegenentwicklungen
Als paradoxen Vorgang bezeichnete Walter Osztovics, Mitautor des
Berichts, in seiner Präsentation das Phänomen, dass die Gesellschaft
im Grunde näher zusammenrücken wolle - sich zugleich aber in Gruppen
voneinander abgrenze. Dahinter stehe etwa der Wunsch nach Sicherheit.
Verstärkt werde diese Entwicklung einerseits durch Aspekte der
Digitalisierung, andererseits durch Verunsicherung im Umgang mit
Migration und Globalisierung. Der Einfluss der Digitalisierung sei an
sich ebenso paradox - als eigentliches Instrument für grenzenlose
Kommunikation entstünden im Internet nämlich umgekehrt Echokammern
und Abgrenzung. Die Algorithmen der Plattformen und Suchmaschinen
würden nur noch den Spiegel der eigenen Meinung anbieten. Dazu komme
das unterschiedliche Tempo und die Dynamik, die die Globalisierung
erzeugt.
Grundsätzlich sei die Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhalts
auf mehreren Ebenen zu beobachten, erläuterte Osztovics weiter. Auf
EU-Ebene sieht er den Trend in Richtung mehr nationaler
Entscheidungen und weniger europäischer Integration, die
Kohäsionspolitik greife hier offenbar nicht genug. In den Ländern
seien es Autonomiebestrebungen wie etwa in Katalonien, auf regionaler
Ebene verweist er etwa auf Ghettobildung in den Städten. Am Beispiel
USA zeige sich an Wahlergebnissen ein Auseinanderdriften von
politischen Lebensansprüchen zwischen Stadt und Land.
Gräben mittels Bildung und Vereinsleben überwinden
Die Gräben seien aber vielfältig und nicht nur auf regionale Faktoren
zurückzuführen. Osztovics skizzierte dazu zwei gesellschaftliche
Gruppen, unabhängig von Stadt oder Land. Diese Gruppen mit jeweils
unterschiedlichen Wertesystemen fühlen sich demnach wechselseitig
nicht verstanden, sind verbittert und wollen das Heft nicht den
anderen überlassen - die einen regional verwurzelt mit Veränderungs-
und Zuwanderungsbedenken, die anderen positiv und offen zur
Globalisierung eingestellt. Dazu komme eine - zumindest so
wahrgenommene - Kluft zwischen arm und reich, sowie Abstiegsängste
und die Sorge über die Zukunft der Arbeitswelt in der
Digitalisierung. Das Thema "Neiddebatte" ist für Osztovics eine der
großen sozialpolitischen Auseinandersetzungen der nächsten Jahre.
Die Empfehlungen an die Politik sind daraus folgend, mit
entsprechenden Maßnahmen gegenzusteuern und den Zusammenhalt in der
Gesellschaft zu stärken. Bildung und zivilgesellschaftliche
Aktivitäten bezeichnet Osztovics als zentrale Schlüssel dafür. So
gleiche etwa das derzeitige Bildungssystem in Österreich die sozialen
Anfangsunterscheide zu wenig aus, Bildung führe oft nicht zum
sozialen Aufstieg. Das Miteinander von Menschen mit unterschiedlichem
sozialen Hintergrund könne darüber hinaus verstärkt in
zivilgesellschaftlichen Formen im Alltag gefördert werden, etwa in
jeder Art von Verein. Der Erhalt des gesellschaftlichen Zusammenhalts
sei sowohl eine politische Aufgabe, als auch eine Herausforderung für
die Zivilgesellschaft.
Wodak: Brexit-Referendum war Musterbeispiel politischer
Verantwortungslosigkeit
Im anschließenden Podiumsgespräch ging es unter anderem um die Frage,
warum die Auseinandersetzung, etwa zwischen der urbanen und der
ländlichen Bevölkerung, zum Teil so bitter ist, nicht nur im
Internet, wie die Moderatorin Petra Stuiber ("Der Standard") meinte.
Für die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak ist die Emotionalisierung
nachvollziehbar. Die bestehenden Unsicherheiten führten zu Angst vor
Verlust und zu Wut, dass man zurückgelassen wurde, machte sie
geltend. Ungleichheit und Perspektivenlosigkeit seien tragende
Probleme, mit denen man sich auseinandersetzen müsse. Der Begriff
Wutbürger ist für Wodak vor diesem Hintergrund nicht hilfreich, man
könne auch Zorn und Wut verspüren, ohne in das allgemein gezeichnete
Bild von WutbürgerInnen zu passen.
Was die aktuelle Migrationsdebatte betrifft, gab Wodak zu bedenken,
dass es schon immer Vorbehalte gegen "die Zuagroasten" gegeben hat,
selbst wenn diese nur vom Land in die kleine Stadt gekommen sind. Das
habe nichts mit anderer Kultur oder anderer Religion zu tun.
Identität heiße immer auch, sich von anderen abzugrenzen. Wesentlich
ist für Wodak die Frage, wie die Politik mit der Verunsicherung der
Menschen umgeht. Hier ist ihrer Meinung nach viel Ressentiment im
Spiel, das vor allem von rechtspopulistischen Parteien geschürt wird.
Man müsse dem ein positives Narrativ entgegensetzen.
Um den Menschen das Gefühl zu nehmen, es werde über ihre Köpfe hinweg
entschieden, regt Wodak Bürgerversammlungen nach dem Vorbild Irlands
an. Wenig hält sie hingegen von Referenden zu heiklen Themen, da
hierbei immer nur eine Momentaufnahme abgebildet werde. Das habe sich
auch bei der Brexit-Abstimmung gezeigt, deren Initiierung Wodak als
Musterbeispiel für Verantwortungslosigkeit in der Politik
anprangerte. Warum das Referendum gegen die EU ausging, hat ihrer
Ansicht nach viele Gründe, einer sei, dass die EU-BefürworterInnen
nur mit ökonomischen Zahlen operiert hätten und keine positiven
Bilder von der EU geschaffen haben. Sie habe aber auch vor Ort
erlebt, wie arm Nordengland durch die Finanzkrise geworden sei.
Was die Rolle der Medien betrifft, warnte Wodak davor, die
Berichterstattung zu sehr auf Skandale zu fokussieren und darob
andere wichtige Themen zu vernachlässigen. Damit unterstütze man
Angst und Panikmache. Skandale würden sich gut verkaufen, räumte sie
ein, manche Parteien nutzten das Lancieren von Skandalen aber
bewusst, um selbst zu profitieren. Eine große Herausforderung sieht
Wodak außerdem darin, Vertrauen für Fakten zu schaffen. Versuchen,
Fakten zu Meinungen umzudeuten und Lügen als Meinungen zu verkaufen,
müsse man entschieden entgegentreten.
Wojahn: Mutbürger unterstützen
Für Jörg Wojahn, Leiter der Vertretung der EU-Kommission in
Österreich, ist die Brexit-Debatte ein gutes Beispiel für den Sieg
von Emotionen über die Vernunft. Er ist aber zuversichtlich, dass der
Schock über den Ausgang des Referendums gewirkt hat. Um die Spaltung
der Gesellschaft zu überwinden, setzt Wojahn darauf, den Mut der
Menschen zu fördern. Die Devise müsse sein, "lasst uns etwas
anpacken". Nach Jahren der Wutbürger gehe es darum, die Mutbürger zu
unterstützen. Wie das gelingen könne, habe der französische Präsident
Emmanuel Macron gezeigt, so Wojahn.
Die Arena Analyse wird von Kovar & Partners seit 2006 jedes Jahr
durchgeführt und hat das Ziel, sogenannte "Emerging Issues" zu
identifizieren und zu analysieren. Die Arena Analyse 2018, erstellt
von Walter Osztovics, Andreas Kovar und Bettina Fernsebner-Kokert,
steht auf der Website von Kovar & Partners unter dem Link
www.publicaffairs.cc/arena-analyse-2018-wir-und-die-anderen/ zum
Download zur Verfügung. (Schluss) mbu/gs
HINWEIS: Fotos von der Präsentation finden Sie auf der Website des
Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.
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