(Un)rühmliche Opfer? Die Paradigmen der europäischen Gedächtnispolitik.

Simon Wiesenthal Conference 2017

Wien (OTS) - Der Märtyrerkult hat in der europäischen Kultur eine lange Tradition. Im 19. Jahrhundert wurde die Heldenverehrung tragendes Element der Nationswerdung(en), fokussierte aber nicht mehr auf den heldenmütigen Feldherren, sondern auf den leidenden einfachen Soldaten – und schuf so europaweit ähnliche Rituale und Ikonografien des Leidens für die Nation. Die Gemetzel des Ersten Weltkriegs höhlten diese heroische Konstruktion des Märtyrertums zwar aus, aber letztlich führte das neue Leiden für die Nation in Gemeinschaft mit den vielen, einander ausschließenden und miteinander erbarmungslos wetteifernden Prozessen der Nationsbildung(en) – die viele Gruppen marginalisiert hatten – zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust, zur sozialen, politisch-rechtlichen und schließlich industriellen Vernichtung von Menschen.

Im Kontext des Wiederaufbaus Europas gedachte man unmittelbar nach 1945 der Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden fast ausschließlich im Rahmen der großen Erzählung des Widerstands. Dies schuf das Bild antifaschistischen Martyriums, leugnete die Besonderheit des jüdischen Leids und klammerte den Holocaust aus den nationalen Geschichten aus. Mit dem Ende des Kalten Kriegs verlor dieses Narrativ seine Glaubwürdigkeit. Es wurde klar, dass es die traumatische und schreckliche Erfahrung der Schoah nicht wirklich erfassen oder gar zu deren Überwindung beitragen konnte. Die Anerkennung der ‚unpolitischen‘ Opfer wurde nun zum zentralen Inhalt des Diskurses.

Im Gefolge dieses Paradigmenwechsels geriet der Holocaust zum allgemein anerkannten und akzeptierten transnationalen europäischen Ereignis und diente nun als Bezugspunkt für eine europäische Identität. Dies produzierte einen hegemonialen, ausschließenden, am Zentrum orientierten – und damit auch äußerst verwundbaren – Diskurs: Und das, obwohl der Holocaust, vor allem an den Peripherien, traditionell der Konkurrenz anderer historischer Traumata ausgesetzt war: den Erschütterungen durch die irische Hungersnot, durch den Stalinismus und den Spanischen oder Griechischen Bürgerkrieg.

Ziel der Konferenz ist es, die dominanten Narrative über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg, einschließlich ihrer Vorläufer und Folgen, einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.

(In)Glorious Victims? Challenging the Paradigms of Memory Politics in Europe.

Simon Wiesenthal Conference 2017

Internationale Tagung des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI) unter dem Ehrenschutz von Bundespräsident Alexander van der Bellen.

Eröffnungsreferat von Daniele Giglioli (Univ. Bergamo): A Critique of Victimhood. An Experiment in Ethics.

27. - 29.11.2017, jeweils von 10 Uhr bis 18 Uhr.
Vorträge in deutscher und englischer Sprache.

Anmeldung erbeten: office@vwi.ac.at

Datum: 27.11.2017, 10:00 - 18:00 Uhr

Ort: Palais Epstein , Eingang Schmerlingplatz
Dr.-Karl-Renner-Ring 1, 1010 Wien, Österreich

Url: http://www.vwi.ac.at

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI)
Dr. Jana Starek
+43-1-890 15 14-150
jana.starek@vwi.ac.at
www.vwi.ac.at

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