Pflegestudie: Bedarf an Pflegegeld und Pflegedienstleistungen steigt bis 2025 stark und bis 2050 enorm

Pflegepotenzial in der Familie sinkt – Singlehaushalte bei Älteren steigen - Ausbau der stationären Pflege unumgänglich

Wien (OTS/SK) - Die Volkswirtin Ulrike Famira-Mühlberger (WIFO) erläuterte gestern Abend bei der Veranstaltung „Entwicklung der Pflegevorsorge in Österreich“, moderiert von Michael Rosecker, dem stv. Direktor des Karl-Renner-Instituts, ihre Forschungsergebnisse. Vor allem im ländlichen Raum drohen aufgrund der demografischen Entwicklung drastische Engpässe bei der Pflege zuhause, der sogenannten informellen Pflege. „Es wird mehr Personen zu pflegen geben aber weniger Personen, die pflegen können, da das Pflegepotenzial in der Familie sinkt“, betonte Famira-Mühlberger. Was die Kostenentwicklung betrifft, sagt Famira-Mühlberger, dass man auf Basis der Preise von 2015 folgendes berechnet habe: „Beim Pflegegeld haben wir Steigerungsraten zwischen 2015 und 2025 von 12 Prozent und zwischen 2025 und 2050 von 67 Prozent.“ Bei den Pflegedienstleistungen, also bei jenen Kosten, die von Ländern und Gemeinden getragen werden, „rechnen wir mit Steigerungsraten von 48 Prozent bis 2025 und zwischen 2025 und 2050 von 360 Prozent“, erklärte Famira-Mühlberger. ****

Grundsätzlich sei eine deutliche Zunahme der Hochaltrigkeit festzustellen, wobei es ein starkes Ost-West-Gefälle gibt. Die stärksten Anstiege sind in Vorarlberg, Salzburg, Tirol zu verzeichnen. Geringste Steigerungsraten seien in Wien, Burgenland, Steiermark zu verzeichnen. „Das hängt mit den Migrationsströmen in die Städte zusammen, die das Durchschnittsalter senken, aber auch mit der Bevölkerungsstruktur. So gibt es in Vorarlberg etwa eine deutliche Zunahme der Hochaltrigkeit“, sagte Famira-Mühlberger.

Zu bedenken sei, dass es einen „richtig rapiden Anstieg“ aufgrund der Pflegebedürftigkeit der in den 60er Jahren geborenen „Baby-Boomer“-Generation geben wird. Das werde 2035-2050 soweit sein. „Da stellt sich die Frage der Finanzierung beziehungsweise der Vorbereitung auf diese Zeit“, sagte Famira-Mühlberger.

Im internationalen Vergleich gesehen ist Österreich bei den Gesamtausgaben im Mittelfeld der europäischen OECD-Länder. In Österreich gibt es eine hohe Verbreitung der Pflege zuhause. Auch ist der Versorgungsgrad mit professionellen Pflegediensten unterdurchschnittlich, sowohl was den mobilen als auch den stationären Bereich betrifft. „Ein höheres Gewicht wird in Österreich auf Geldleistungen statt Sachleistungen gelegt. In anderen Staaten gibt es einen größeren Ausgabenanteil für stationäre Pflege“, so Famira-Mühlberger. „Angesichts der Daten wird in Österreich auch beim politischen Ansatz ‚mobil vor stationär‘ ein Ausbau der stationären Pflege unumgänglich sein.“ Das hänge damit zusammen, dass ca. 50 Prozent der Männer und 2 von 3 Frauen der „Baby-Boomer“-Generation mindestens 85 Jahre alt werden.

Auch müsse man die Pflegeberufe attraktivieren und die Organisationsstrukturen in diesem Bereich verbessern, um einem bevorstehenden Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken.

Kosteneinsparungen bei der mobilen Betreuung im Vergleich zur stationären sind für Famira-Mühlberger „eher marginal“ im Vergleich zu den Kosten durch den demografischen Anstieg. Für besonders wichtig hält die Studienautorin den Ausbau alternativer und teilstationärer Betreuungsformen und eine Harmonisierung der Leistungsstandards der Bundesländer. „Die föderalen Strukturen können hier Ineffizienzen begünstigen“, sagte Famira-Mühlberger. Auch führen die intransparente Datenlage und die mangelnde Vergleichbarkeit zu einem erschwerten Lernprozess durch Best-Practice-Beispiele.

Die Forscherin würde sich „ein Gesamtpaket der künftigen Finanzierungsmöglichkeiten“ wünschen und warnt vor der Diskussion und Umsetzung von Einzelmaßnahmen als „nicht zielführend“. Notwendig sei eine langfristige Strategie „jenseits kurzfristiger Gegenfinanzierungsmaßnahmen“. Die Abschaffung des Pflegeregresses sei „eine richtige Maßnahme, für die wir uns immer ausgesprochen haben“, die fehlende Gegenfinanzierung wurde aber bemängelt. Diese und generell die Ausgaben für die Pflege sollten eingebettet sein in „eine breite Diskussion über die Gestaltung des österreichischen Abgabensystems“.

Famira-Mühlberger erklärte auch, dass der Sektor der Pflegedienste bei Ausgaben von 3,4 Mrd. Euro eine Wertschöpfung von 5,9 Mrd. Euro aufweise und dass man bei direkten, indirekten und induzierten Effekten von 115.000 Beschäftigten ausgehen könne. Allerdings betonte die Forscherin auch, dass Effekte alternativer Mittelverwendung hierbei unberücksichtigt bleiben müssen. „Die Daten zeigen nicht, dass die Wertschöpfung in Österreich um 5,9 Mrd. geringer wäre, wenn es die Mittelverwendung für die Pflege nicht gäbe. Weil natürlich sonst die Mittel für etwas anderes verwendet würden. Es handelt sich also um mit der Pflege verbundene Effekte und nicht mit der Pflege erzeugte Effekte“, legte Famira-Mühlberger dar. (Schluss) up/sc

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