- 09.11.2017, 10:57:03
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ÖÄK-PK: 10 Jahre Sonderfach Kinder- und Jugendpsychiatrie (1)
Was wurde erreicht? Was liegt noch vor uns?
Utl.: Was wurde erreicht? Was liegt noch vor uns? =
Wien (OTS) - Vor zehn Jahren hat die Österreichische Ärztekammer
(ÖÄK) in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für
Kinder- und Jugendpsychiatrie das neue Sonderfach Kinder- und
Jugendpsychiatrie eingerichtet. Seither wurde versorgungspolitisch
viel erreicht. Von einer flächendeckenden, leitliniengerechten
Betreuung sei Österreich aber noch meilenweit entfernt – obwohl sich
offiziell alle im Gesundheitswesen Verantwortlichen dazu bekennen,
hieß es heute bei einer Pressekonferenz der ÖÄK.
Es sei wissenschaftlich belegt, dass etwa jeder zweite psychisch
kranke Erwachsene bereits als Jugendlicher unter psychischen
Störungen gelitten hat, die nicht ausreichend behandelt wurden. Ein
überzeugenderes Argument für eine altersgerechte Versorgung seelisch
kranker Kinder und Jugendlicher lasse sich kaum denken – und sei es
nur aus volkswirtschaftlichen Gründen - betonten die Redner der
Pressekonferenz.
Erstmals valide Daten
Erst seit Kurzem liegen valide Studiendaten für Österreich vor. „Das
ist definitiv einer der Meilensteine in der jüngsten Entwicklung
dieses Sonderfaches“, sagte der Obmann der Bundeskurie
niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen
Ärztekammer (ÖÄK), Johannes Steinhart. Die Uniklinik für Kinder- und
Jugendpsychiatrie an der Medizinuniversität Wien hat gemeinsam mit
der Ludwig Boltzmann Gesellschaft unter der Leitung von Professor
Andreas Karwautz die ersten repäsentativen Daten zur psychischen
Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Österreich erhoben.
Demnach war ein Viertel der befragten Zehn- bis 18-Jährigen im
Studienzeitraum therapiebedürftig, hochgerechnet also rund 170.000
Betroffene. Davon bräuchten etwa 100.000 eine fachärztliche
Behandlung. Für die Obfrau der Bundesfachgruppe Kinder- und
Jugendpsychiatrie der ÖÄK, Charlotte Hartl, sind die Zahlen
alarmierend: „Diese Daten nehmen wir sehr ernst. Gleichzeitig
bestätigen sie aber nur, was wir Experten schon lange befürchtet
haben.“
Die mit 60 Prozent größte Gruppe der Patienten, die zum Kinder- und
Jugendpsychiater kommen, leide unter ADHS. Dennoch sei die
Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitätsstörung keineswegs die
häufigste psychische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen,
insgesamt mache ADHS nämlich nur vier Prozent aller psychischen
Störungen aus. Allerdings seien Eltern von ADHS-Kindern viel eher und
schneller bereit, für ihr Kind professionelle Hilfe in Anspruch zu
nehmen. Der erste Impuls dazu komme oft von Lehrern, Schulärzten oder
-psychologen, da ADHS-Kinder sozial auffällig agierten.
Ganz anders sehe es bei den vielen „stillen“ Formen psychischer
Erkrankungen aus. Diese Kinder fielen meist nicht auf und kämen daher
oft erst nach dem ersten Suizidversuch in die Ordination. So leide
etwa einer von zehn jungen Patienten an einer depressiven Störung.
Die Folgen würden bis ins Erwachsenenalter nachwirken, und zwar nicht
nur psychisch: Wer als Kind eine unbehandelte Depression durchgemacht
habe, entwickle als Erwachsener auch verstärkt körperliche
Krankheiten wie Adipositas, Diabetes mellitus oder
Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Bewusstsein dafür, dass auch Kinder
depressiv werden können, sei in der breiten Bevölkerung noch viel zu
wenig ausgeprägt.
Aber auch Kinder und Jugendliche, die unter teils sehr schweren
Angst-, Zwangs- oder Essstörungen oder posttraumatischen
Belastungsstörungen leiden, finden in der Regel viel zu spät den Weg
in die Arztpraxis: „Solche Kinder sehen wir meistens erst nach einem
langen Leidensweg“, so Charlotte Hartl. „Oft dauert es ein ganzes
Jahr, bis die Patienten wieder so stabil sind, sodass sie die
Anforderungen bewältigen können, die ihrem Alter entsprechen. Das
erfordert einen langen Atem, auch bei den Eltern und Geschwistern
sowie bei Lehrern und nichtärztlichen Betreuern.“
Die Ursachen für psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter
seien komplex und äußerst vielfältig. Es stehe jedoch auch auf
wissenschaftlicher Ebene außer Streit, dass Häufigkeit und Verlauf in
einem direkten Zusammenhang mit dem sozioökonomischen Status stünden.
Vereinfacht gesagt: Kinder aus finanziell schlechter gestellten
Familien finden später oder gar nicht den Zugang zu ärztlicher Hilfe
und sind stärker betroffen als Kinder von gut situierten Eltern.
Die Österreichische Ärztekammer forderte daher einmal mehr
medizinische Chancengleichheit: Ziel müsse es sein, alle Kinder –
unabhängig von der Finanzkraft ihrer Eltern – so zu versorgen, dass
sie sich nicht mit unverheilten seelischen Wunden und Spätfolgen
psychischer Störungen durchs Leben quälen müssten. Dazu
ÖÄK-Vizepräsident Steinhart: „Am Beispiel der Kinder- und
Jugendpsychiatrie kann man besonders gut sehen, dass
Gesundheitspolitik in hohem Maße Gesellschaftspolitik ist. Denn der
seelische Zustand unserer Kinder und Jugendlichen ist ein
wesentlicher Gradmesser für den Zustand, aber auch für die Zukunft
unserer Gesellschaft.“
Versorgung: Was wurde erreicht? Was liegt noch vor uns?
2007 wurde das Sonderfach Kinder- und Jugendpsychiatrie im Rahmen der
Ärzteausbildungsordnung ins Leben gerufen. Zuvor konnten angehende
Fachärzte für Psychiatrie, Neurologie sowie Kinder- und
Jugendheilkunde diesen Bereich als Additivfach wählen. Mit der
Begründung des Sonderfachs 2007 fand die kinder- und
jugendpsychiatrische Versorgung auch Eingang in die offizielle
österreichische Gesundheitsplanung: Bund und Länder waren erstmals
gefordert, eine flächendeckende Versorgung aufzubauen. 2008 wurde die
Vollversorgung auf stationärer, ambulanter und niedergelassener Ebene
als Ziel im Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG)
festgeschrieben.
Für eine wirksame Versorgung im Kernbereich – also in den
Ordinationen, Ambulanzen und Spitälern – wären österreichweit 300 bis
350 Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie notwendig. Aktuell
zähle die Ärzteliste zwar 204 Fachärzte für Kinder- und
Jugendpsychiatrie, von denen aber nur etwa 140 tatsächlich
versorgungswirksam im Kernbereich tätig seien.
Ein großes Problem – sowohl im niedergelassenen Bereich als auch in
den Spitälern – stellen die je nach Bundesland höchst
unterschiedlichen Versorgungsniveaus dar. Die Tatsache, dass das
Sonderfach Kinder- und Jugendpsychiatrie erst seit zehn Jahren
existiere, könne aus Sicht der Österreichischen Ärztekammer zwar
teilweise als Erklärung für einige Versorgungsdefizite dienen –
keineswegs aber als Entschuldigung für den schleppenden Ausbau in
manchen Bundesländern. ÖÄK-Vizepräsident Steinhart: „Was wir
brauchen, sind mehr Ausbildungsplätze in den Spitälern und mehr
Kassenstellen. Denn auch Kindern und Jugendlichen steht im Sinne der
Gleichbehandlung eine Betreuung durch den Arzt ihres Vertrauens zu.
Erst recht im Fall seelischer Erkrankungen.“
Am positivsten sei die Versorgungssituation in Vorarlberg: Hier könne
man im stationären Bereich bereits von einer Vollversorgung sprechen
und auch im niedergelassenen Bereich fehlten aktuell nur mehr zwei
der geforderten fünf Kassenstellen.
In der Steiermark und im Burgenland hingegen gebe es keine einzige
Kassenstelle für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Burgenland führe
zudem keine eigenen kinder- und jugendpsychiatrischen Betten. „Somit
müssen burgenländische Kinder und Jugendliche, die eine stationäre
Behandlung brauchen, von der Steiermark und Niederösterreich
mitversorgt werden, was eine sehr ungünstige Situation darstellt“,
wie der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und
Jugendpsychiatrie, Rainer Fliedl, hervorhob.
„Große Defizite gibt es aber etwa auch in Wien, das als Großstadt
natürlich besonders viele Patienten ambulant zu versorgen hätte.
Entsprechend sind die bestehenden fünf Ordinationen heillos
überlastet“, erklärte ÖÄK-Bundesfachgruppenobfrau Charlotte Hartl.
(ar) – (Forts.)
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