- 27.09.2017, 22:00:01
- /
- OTS0225
TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 28. September 2017 von Peter Nindler "Bischöfe dürfen ruhig mutig sein"
Innsbruck (OTS) - Die katholische Kirche in Tirol ist vielfältig und
herausfordernd, von Gegensätzen geprägt und oft von überkommenen
Vorstellungen bestimmt. Wie überall in Mitteleuropa befindet sie sich
aber in einer Abwärtsspirale.
Für einen Oberhirten ist Innsbruck eine herausfordernde Diözese.
Weniger wegen der institutionellen Voraussetzungen, die trotz
zweijähriger Bischofsvakanz von der internen Architektur über die
Caritas, das Seelsorgeamt bis zur Kirchenbeitragsstelle gut
funktionieren. Durch die enge Verbindung von Religion und Tirols
Souveränitätsstreben, das im Herz-Jesu-Gelöbnis von 1796
verinnerlicht wird, existiert der öffentlich sichtbar gemachte
christliche Volksglaube nach wie vor. Er hat aber ebenso wenig einen
repräsentativen Stellenwert wie die Mär vom „heiligen Land Tirol“.
Gelebte Tradition ist das eine, die Realität das andere. Schließlich
besuchen nur noch 18 Prozent der Katholiken regelmäßig den
Gottesdienst, außerdem dokumentiert sich die Überalterung vor den
Altären und in den Kirchenbänken. Priestermangel inklusive.
Wie in allen mitteleuropäischen Ländern befindet sich die Kirche in
Tirol in der Abwärtsspirale. Wahrscheinlich in der Krise. Denn die
Institutionenkritik macht vor ihr nicht Halt. Erneuern, aber wie?
Diese Frage stellen sich nicht nur die Verantwortlichen selbst,
sondern auch Kirchen- oder Rom-Kritiker. In einem gesellschaftlichen
Auseinanderdriften findet sich nur schwer eine Antwort darauf,
Kardinal Christoph Schönborn hat bereits 1996 von einem „Abschied von
der Volkskirche“ gesprochen.
Gleichzeitig hat die katholische Kirche in Tirol noch ein anderes
Gesicht; jenes der Aufmüpfigkeit. Repräsentiert vom verstorbenen
Volksbischof Reinhold Stecher, kultiviert und bewahrt von seinen
Nachfolgern Alois Kothgasser und Manfred Scheuer sowie überspitzt von
der Tiroler Pfarrerinitiative oder der aus dem Kirchenvolksbegehren
entstandenden Plattform „Wir sind Kirche“. Die Kirche muss sich
öffnen, nicht abschotten, auf die Menschen zugehen, sie nicht
ausschließen wie wiederverheiratete Geschiedene. Die Laien sollen
noch stärker eingebunden und Frauen endlich gleichberechtigt werden.
Und innerkirchliche Prozesse wie eine Bischofsbestellung sind
transparent zu machen. Bischof, Seelsorger und Mitarbeiter müssen das
alles auch tun und Flagge zeigen. Nicht nur davon reden.
Der neue Innsbrucker Bischof Hermann Glettler hat gleich gezeigt,
dass er unkonventionell, offen und einladend ist. Vielleicht wird der
neue Bischof für manche Gläubige ein Kulturschock sein, letztlich
gilt er aber als Vertreter einer Theologie, die einbindet und nicht
ausgrenzt. Zu sehr wurde in der Vergangenheit die Kirche nämlich als
Monolith gepflegt, weil der Episkopat die Einheit der Kirche bewahren
wollte. Diese liegt im 21. Jahrhundert wohl eher in der Vielfalt.
Hoffentlich.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT






