• 20.09.2017, 12:04:11
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  • OTS0131

3. Internationaler Tag der Patientensicherheit

„Speak Up! – Wenn Schweigen gefährlich ist“

Utl.: „Speak Up! – Wenn Schweigen gefährlich ist“ =

Wien (OTS) - Gemeinsam mit dem Aktionsbündnis Patientensicherheit aus
Deutschland sowie der Schweizer Stiftung für Patientensicherheit
wurde heuer zum dritten Mal der Internationale Tag der
Patientensicherheit ausgerufen. In diesem Jahr steht die Aktionswoche
ganz im Zeichen der Kommunikation. Österreichweit meldeten 36
Institutionen mit 50 Standorten umfassende Aktionen ein. Im Vorfeld
informierten Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitsbereich im
Rahmen einer Pressekonferenz am Mittwoch über die Initiative „Speak
Up!“ und präsentierten Beispiele aus der Praxis.

Mit der Initiative „Speak up! – Wenn Schweigen gefährlich ist“ möchte
man einen Beitrag zur Steigerung der PatientInnen- und
MitarbeiterInnen-Sicherheit leisten, so Brigitte Ettl, Präsidentin
der Österreichischen Plattform Patientensicherheit und ärztliche
Direktorin im Krankenhaus Hietzing, in ihrem Eröffnungsstatement.
„Speak Up!“ beschreibe eine Form der Kommunikation unter KollegInnen
der Gesundheitsberufe, über Berufsgruppen und Hierarchiestufen
hinweg. Es gehe darum, zu reagieren und sich gegenseitig
anzusprechen, wenn die Sicherheit von PatientInnen und/oder
MitarbeiterInnen gefährdet ist oder gefährdet scheint. Auch
PatientInnen und deren Angehörige sollen sensibilisiert und motiviert
werden, Auffälligkeiten und Missstände anzusprechen.
Die Fehlerquellen im Alltag seien vielfältig. Dazu Ettl: „Unsere
Initiative unterstützt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller
Berufsgruppen und Hierarchiestufen, diese Fehlerquellen zu
identifizieren und zu bearbeiten. ‚Speak Up!’ hat zum Ziel, in
konkreten Situationen die Sicherheit von Patientinnen und Patienten
zu verbessern.“ Dabei gehe es zum Beispiel darum, Kolleginnen und
Kollegen auf riskante Verhaltensweisen und Sicherheitsprobleme
anzusprechen oder Ideen vorzubringen, um ein Sicherheitsrisiko zu
reduzieren. „Als ärztliche Direktorin sehe ich mich täglich mit dem
‚Speak Up!’-Gedanken konfrontiert. Damit diese offene Form der
Kommunikation in der Praxis auch tatsächlich funktioniert, muss sie
täglich gelebt werden. Dafür haben Führungskräfte zu sorgen“, betonte
Ettl.

CIRSmedical.at: Ab sofort auch für Patientinnen und Patienten

„Patientensicherheit geht alle an. Auch Patienten, Angehörige und
Außenstehende machen oft Beobachtungen, die für die
Behandlungssicherheit wichtig sind. Deshalb sind auch sie aufgerufen,
auf solche Beobachtungen hinzuweisen“, sagte Artur Wechselberger,
Präsident der Ärztekammer für Tirol und Leiter des Referats für
Leitlinien, Patientensicherheit, HTA und Guidelines International
Network der Österreichischen Ärztekammer. Dies könne entweder direkt
passieren, wenn es die Situation erfordere, oder indirekt über das
nationale Fehlermeldesystem www.CIRSmedical.at, das jetzt auch Laien
zur Verfügung stehe.

Die Auswertung der Meldungen an CIRSmedical habe gezeigt, dass in den
501 veröffentlichten Berichten der Faktor Kommunikation bei rund 43%
verantwortlich für kritische Ereignisse sei. „Wie unsere Analyse
ergab, wären von den 214 berichteten Fällen, in denen eine schlechte
Kommunikation ein beitragender oder auslösender Faktor war, 21% durch
ein gelebtes Teamwork im Sinne von ‚Speak Up!’ wahrscheinlich
vermeidbar gewesen“, so Wechselberger.

Kommunikation als tragende Säule der Patientensicherheit

Der Tag der Patientensicherheit und die damit verbundenen Aktionen
seien wichtige Instrumente, um sowohl Gesundheitsberufe als auch die
Bevölkerung auf unterschiedliche Aspekte der Patientensicherheit
aufmerksam zu machen, betonte Gerhard Aigner, Sektionsleiter Recht
und Gesundheitlicher Verbraucherschutz im Bundesministerium für
Gesundheit und Frauen. „Der Alltag ist in der Medizin von Teamwork
geprägt. Dies nicht nur in Krankenanstalten, bereits in Ordinationen
arbeiten Assistenz und Arzt/Ärztin eng zusammen. Kommunikation ist
daher sowohl im niedergelassenen als auch im Spitalsbereich eine
tragende Säule der Patientensicherheit“, so Aigner.

Informationslücken und Gefahrenquellen ansprechen

Gelungene Kommunikation sei eine wesentliche Handlungsgrundlage für
alle Gesundheitsberufe, betonte auch Ursula Frohner, Präsidentin des
Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, und
unterstrich damit, wie wichtig gut funktionierendes „Speak Up!“ sei.
„Besondere Bedeutung bekommt dieses Instrument, wenn es im Team darum
geht, auf Informationslücken hinzuweisen und durch abgestimmte
Codewörter Fehler verhindert werden“, so Frohner.

Gute Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe bedeute auch, aufeinander
zu achten. Im Sinne der Vermeidung von Fehlern sind etwa beobachtete
Informationslücken oder Unaufmerksamkeit einzelner Teammitglieder
anzusprechen. Ergänzend meinte Frohner: „Darüber hinaus sind
Gefahrenquellen konkret anzusprechen sowie bereits entstandene Fehler
lösungsorientiert und gemeinsam mit allen Mitgliedern des
Behandlungsteams aufzuarbeiten.“

Kontinuierliches Training evidenzbasierter Medizin

MTD-Austria als überbetriebliche Interessensvertretung und
Dachverband der sieben gehobenen medizinisch-technischen Dienste
Österreichs arbeite eng mit allen anderen Gesundheitsberufen
zusammen. Auch für diese Berufsgruppe sei funktionierendes „Speak
Up!“ essenziell, so Gabriele Jaksch, Präsidentin der MTD-Austria.
„Das Gesundheitssystem Österreichs steht vor großen
Herausforderungen. Qualitätssicherung und Patientensicherheit muss
immer prioritär für alle Prozesse sein. Die gehobenen
medizinisch-technischen Dienste Österreichs nehmen ‚Speak up’ sehr
ernst – dennoch ist noch viel zu tun!“

Human Factors hätten insbesondere im Gesundheitswesen einen großen
Einfluss auf die Qualität und stehen in Korrelation zur
Patientensicherheit. Dazu Jaksch: „Sie sind der menschliche Nährboden
von Fehlern. Aus diesem Grund ist die Interaktion im Team als auch
eine abteilungs- und berufsgruppenübergreifende Kommunikation von
besonderer Bedeutung. Gerade bei komplexen Rahmenbedingungen ist es
wichtig, evidenzbasierte Medizin kontinuierlich im Team zu trainieren
und zu verbessern.“

Kommunikationsprobleme bei Nahtstellen unterschiedlicher
Systeme

Als Beispiel für „Speak Up!“ im Bereich der Apotheken nannte Susanne
Ergott-Badawi, Mitglied des Präsidiums der Österreichischen
Apothekerkammer, die Nahtstelle intramuraler und extramuraler
Bereich. Diese berge alleine dadurch Potenzial für
Kommunikationsprobleme, dass unterschiedliche Systeme
aufeinandertreffen. „Die Entlassung des Patienten aus dem Spital ist
systemtechnisch zu planen: medizinisch, pharmazeutisch sowie
verrechnungs- und versorgungstechnisch. Die Apotheken und natürlich
die Ärzte sind als erste Anlaufstelle nach einem Spitalsaufenthalt
wichtige Kommunikatoren bei der weiteren Betreuung. Ich wünsche mir
hier eine Intensivierung der standardisierten Kommunikationsschritte
zwischen Apothekerin und Arzt“, so Ergott-Badawi.

Hinschauen statt Wegschauen

Patientinnen und Patienten, deren Angehörige und das
Gesundheitspersonal müssen als wichtige Ressource und
Informationsquelle für sicherheitsrelevante Wahrnehmungen aktiviert
werden, leitete Gerald Bachinger, Sprecher der PatientenanwältInnen,
sein Statement ein. „Der kritische Erfolgsfaktor, damit Patienten und
Angehörige sich engagiert und selbstständig einbringen, ist ein
aufmunterndes und aktivierendes Umfeld, das vor allem durch das
Gesundheitspersonal vor Ort gestaltet werden kann.“

Der Abbau von starren Hierarchien und der Aufbau von offener
Teamkultur sei eine herausfordernde Aufgabe. Dem Gesundheitspersonal
seien die erforderlichen Ressourcen bereit zu stellen und es sei als
oberste Führungsaufgabe zu begreifen. Dazu Bachinger: „Es ist derzeit
bequem und einfach, sowohl für das System als auch den Einzelnen,
eine Kultur des ‚Wegschauens’ zu praktizieren. Wir müssen alles
unternehmen, um das Gesundheitspersonal und die Patienten zu einer
Kultur des ‚Hinschauens’ zu befähigen und diese Form der Zivilcourage
zu fördern.“

Interdisziplinären Dialog und Austausch fördern

Im Bereich der Patientensicherheit stelle der medizinische Fehler
nach aktueller Studienlage in den „High Income Countries“ die
dritthäufigste Todesursache dar, so Klaus Markstaller, Leiter der
Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und
Schmerztherapie des AKH Wien und der MedUni Wien. „Dies liegt an der
zunehmenden Komplexität der Medizin und der demographischen
Entwicklung. Diese Umstände fordern eine wesentlich höhere
Interdisziplinarität und Interprofessionalität im Gesundheitswesen.“

„Speak Up“ sei eine wirkungsvolle Maßnahme, welche den
interdisziplinären Dialog und den Austausch zwischen den
Berufsgruppen zum Wohle der Patienten fördern kann. „Nur durch eine
Professionalisierung der Schnittstellen zwischen den Fachdisziplinen
und den Berufsgruppen können die Fortschritte der modernen Medizin
den Patientinnen und Patienten wirkungsvoll zugutekommen“, so
Markstaller.

Die Präsidentin der Plattform Patientensicherheit Brigitte Ettl
betonte, dass Kommunikation im Gesundheitswesen auch einen offenen
Umgang mit Fehlern beinhalte. „Speak Up!“ erfordere Wertschätzung,
ein gemeinsames Herangehen an gute Lösungen, offene Türen und das
Anbieten von Raum und Zeit für Gespräche, Reflexionen und
Diskussionen. „Mit dieser Initiative zeigen wir Möglichkeiten, wie im
Gesundheitswesen mit Gefahren und Sicherheitsbedenken umgegangen
werden kann. ‚Speak Up’ ist mehr als nur ein Event. Es ist ein
Indikator einer konstruktiven Fehler- und Führungskultur“, so Ettl
abschließend.

Über die Plattform:
Die Österreichische Plattform Patientensicherheit ist ein
unabhängiges, nationales Netzwerk. Diesem gehören die wesentlichen
Einrichtungen und ExpertInnen des österreichischen Gesundheitswesens
an, die sich mit PatientInnen- und MitarbeiterInnen-Sicherheit
beschäftigen. Im Zentrum der Arbeit steht die Förderung der
PatientInnen- und MitarbeiterInnen-Sicherheit durch Forschung,
Koordination von Projekten, Vernetzung und Information.
www.plattformpatientensicherheit.at
www.twitter.com/pps_patienten

Pressekontakte und Rückfragehinweise:

Österreichische Plattform Patientensicherheit:
Mag. Bosko Skoko, Tel. 0699/1 405 78 49,
[email protected]

Österreichische Ärztekammer:
Michael Heinrich, MBA, Tel. 01/51406-3317, [email protected]

Bundesministerium für Gesundheit und Frauen:
MMag.a Kathrin Liener, Tel. 01/711 00-64 4511,
[email protected]

Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband:
Dr. Sanem Keser-Halper, Tel. 01/478 27 10 -17,
[email protected]

MTD-Austria:
MTD-Austria Office, Tel. 0664/1414118, E-Mail: [email protected]

Österreichische Apothekerkammer:
Mag. Gudrun Kreutner, Tel. 01/404 14 – 600,
[email protected]
Mag. Silvia Pickner, Tel. 01/404 14 DW 601,
[email protected]

ARGE PatientenanwältInnen:
Dr. Gerald Bachinger, Tel. 02742/9005-15575,
[email protected]

MedUni Wien:
Mag. Johannes Angerer, Tel. 01/40160-11502, [email protected]

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