• 31.08.2017, 21:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 1. September 2017 von Michael Sprenger - Wir empören uns!

Innsbruck (OTS) - Was haben Alfred Gusenbauer, Sebastian Kurz und die
Kirche gemein? Sie alle werden kritisiert. Vor allem von jenen, die
mit SPÖ, ÖVP und Christentum wenig bis gar nichts am Hut haben. Ein
Abgesang an die Betroffenheitskünstler.

Zwischen Glücksspielkonzern und autoritärem Regime: Was ist bitte an
den Geschäften des Alfred Gusenbauer noch sozialdemokratisch? Wie
verlogen sind doch die Kirchenmänner: Frauen haben immer noch nichts
zu melden, kleine Buben müssen Angst haben. Vieles wird zugedeckt.
Versteht man das heutzutage unter Christentum? Und wer kann bitte
erklären, warum gestandene ÖVPler einem 31-Jährigen huldigen, der
eine föderale Partei nach seinem Gutdünken umbaut, umfärbt und keinen
Widerspruch mehr duldet? Dafür klatschen alle und rufen: „Sebastian!“
Das nennt man also jetzt Bewegung?
Natürlich ist es legitim, die neue Arbeitswelt eines früheren
sozialdemokratischen Bundeskanzlers kritisch zu hinterfragen. Es ist
keinesfalls ketzerisch, bei der Kirche auf den tiefen Graben zwischen
Anspruch und Wirklichkeit hinzuweisen. Und wenn in der Politik ein
Messias angekündigt wird, sollte Zurückhaltung angebracht sein, will
man als Kind der Aufklärung ernst genommen werden. Skepsis ist
allemal ein probates Mittel, sich Neuem anzunähern – oder sich mit
Veränderungen auseinanderzusetzen. Hellhörigkeit ist kein Fehler,
wenn große Reformen verkündet werden. Zu oft musste dieses an sich
positiv besetzte Wort für eine negative Entwicklung herhalten. Dies
alles passiert. Auch in den besagten drei Beispielen. Doch wir sind
heutzutage mit einem zusätzlichen Phänomen, einem lauten,
konfrontiert. Wie im Fall Gusenbauer: Medial breit unterstützt, wird
das Lied der Empörung angestimmt. Am meisten echauffieren sich dabei
jene, die mit der Sozialdemokratie nichts am Hut haben, außer ihr den
Untergang zu wünschen. Mit klammheimlicher Freude üben sie die Rolle
des Moralapostels. Diese sind auch im Chor der Kurz-Gegner vertreten.
Die ÖVP wäre für diese Chorknaben am Wahlabend niemals eine Option,
doch betroffen äußern sie sich darüber, was aus der staatstragenden
und föderalistischen Partei geworden ist. Und ja, jene, denen die
Kirche längst egal ist, schreien am lautesten gegen Bischöfe und
Pfarrer.
Zum guten Ton der Empörten gehört es, dabei auf die Bibel zu
verweisen, Bruno Kreisky als großen Kanzler und Sozialdemokraten zu
loben und die historische Leistung der Volkspartei hervorzustreichen.
Verlogener geht’s nicht.
Thomas Bernhard könnte dabei helfen, den Chor der empörten
Betroffenheitskünstler zu entlarven. Er sprach von den „Kleinbürgern
auf der Heuchelleiter“.

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