- 27.08.2017, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ein Abgang mit offenen Fragen", von Carmen Baumgartner-Pötz
Ausgabe vom 28. August 2017
Utl.: Ausgabe vom 28. August 2017 =
Innsbruck (OTS) - Die Wiener SPÖ ist seit Jahrzehnten die wichtigste
Landesparteiorganisation. Mit dem Rückzug von Michael Häupl und mit
einer neuen politischen Ausgangslage nach der Nationalratswahl könnte
sich vieles ändern.
Michael Häupl übergibt Ende Jänner 2018 den Parteivorsitz der
Wiener SPÖ und verabschiedet sich aus der Politik. Er wird nicht von
heute auf morgen weg sein, die Übergabe des Bürgermeisteramts an den
oder die Nachfolger/-in erfolgt ein paar Monate später. Auf der
Besserwisser-Plattform Twitter ging es nach dieser Ankündigung rund:
So mancher Spindoktor ätzte, es sei wohl als Abrechnung mit
Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) zu verstehen, wenn der wichtigste
Wahlkämpfer der Sozialdemokraten ein paar Wochen vor der
Nationalratswahl den Rückzug an- und einen Nachfolgerkampf lostrete.
Das stimmt so freilich nicht. Der Rückzug Häupls drei Monate nach der
Nationalratswahl war bereits im Frühjahr bekannt und auch
kommuniziert worden, nach der Entscheidung für die vorgezogene Wahl
im Oktober bestätigte Häupl diesen Zeitplan. Erstmals wünschte heuer
nicht der Bürgermeister im roten Poloshirt mit Donauinsel-Setting im
Hintergrund seinen Wienerinnen und Wienern einen „Schönen Sommer!“
von den Plakatwänden bei Wiener Bus- und Straßenbahnstationen,
sondern Bundeskanzler Christian Kern.
Nach Josef Pühringer und Erwin Pröll (ÖVP) geht mit Michael Häupl
der letzte Landesparteivorsitzende, den man noch getrost als
„Landesfürst“ bezeichnen kann. Ein Politiker, der „sein“ Bundesland
über Jahrzehnte geprägt hat. Über das rote Netzwerk der Macht in der
Bundeshauptstadt könnten ganze Bücher gefüllt werden, für die Wiener
Oppositionsparteien gehört es seit Langem zum Standardprogramm, gegen
den „roten Filz“ zu wettern. Anders als Pühringer und Pröll hat Häupl
seine Nachfolge nicht geregelt – oder er hat es geschickt zu
verstecken gewusst. Thomas Stelzer in Ober- und Johanna Mikl-Leitner
in Niederösterreich hatten eine gewisse Vorlaufzeit, wer Häupl
nachfolgt, ist noch nicht klar. Und es bleiben noch weitere wichtige
Fragen offen: Häupl positionierte sich und die Wiener Roten stets als
Bollwerk gegen die FPÖ. Nicht nur eine Landtagswahl hat er mit der
Warnung vor einem Bürgermeister Heinz-Christian Strache gewonnen. Wie
hält es der oder die Neue mit möglichen Koalitionspartnern? Vor dem
Wahlergebnis des 15. Oktober wird sich freilich kein potenzieller
Nachfolger aus der Deckung wagen. Die Karten für das ganze Land
werden in sieben Wochen neu gemischt. Erst danach ist Wien dran, zu
zeigen, ob es wirklich so „anders“ ist, wie man abseits der
Hauptstadt glaubt.
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