TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ein Abgang mit offenen Fragen", von Carmen Baumgartner-Pötz

Ausgabe vom 28. August 2017

Innsbruck (OTS) - Die Wiener SPÖ ist seit Jahrzehnten die wichtigste Landesparteiorganisation. Mit dem Rückzug von Michael Häupl und mit einer neuen politischen Ausgangslage nach der Nationalratswahl könnte sich vieles ändern.

Michael Häupl übergibt Ende Jänner 2018 den Parteivorsitz der Wiener SPÖ und verabschiedet sich aus der Politik. Er wird nicht von heute auf morgen weg sein, die Übergabe des Bürgermeisteramts an den oder die Nachfolger/-in erfolgt ein paar Monate später. Auf der Besserwisser-Plattform Twitter ging es nach dieser Ankündigung rund:
So mancher Spindoktor ätzte, es sei wohl als Abrechnung mit Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) zu verstehen, wenn der wichtigste Wahlkämpfer der Sozialdemokraten ein paar Wochen vor der Nationalratswahl den Rückzug an- und einen Nachfolgerkampf lostrete. Das stimmt so freilich nicht. Der Rückzug Häupls drei Monate nach der Nationalratswahl war bereits im Frühjahr bekannt und auch kommuniziert worden, nach der Entscheidung für die vorgezogene Wahl im Oktober bestätigte Häupl diesen Zeitplan. Erstmals wünschte heuer nicht der Bürgermeister im roten Poloshirt mit Donauinsel-Setting im Hintergrund seinen Wienerinnen und Wienern einen „Schönen Sommer!“ von den Plakatwänden bei Wiener Bus- und Straßenbahnstationen, sondern Bundeskanzler Christian Kern.
Nach Josef Pühringer und Erwin Pröll (ÖVP) geht mit Michael Häupl der letzte Landesparteivorsitzende, den man noch getrost als „Landesfürst“ bezeichnen kann. Ein Politiker, der „sein“ Bundesland über Jahrzehnte geprägt hat. Über das rote Netzwerk der Macht in der Bundeshauptstadt könnten ganze Bücher gefüllt werden, für die Wiener Oppositionsparteien gehört es seit Langem zum Standardprogramm, gegen den „roten Filz“ zu wettern. Anders als Pühringer und Pröll hat Häupl seine Nachfolge nicht geregelt – oder er hat es geschickt zu verstecken gewusst. Thomas Stelzer in Ober- und Johanna Mikl-Leitner in Niederösterreich hatten eine gewisse Vorlaufzeit, wer Häupl nachfolgt, ist noch nicht klar. Und es bleiben noch weitere wichtige Fragen offen: Häupl positionierte sich und die Wiener Roten stets als Bollwerk gegen die FPÖ. Nicht nur eine Landtagswahl hat er mit der Warnung vor einem Bürgermeister Heinz-Christian Strache gewonnen. Wie hält es der oder die Neue mit möglichen Koalitionspartnern? Vor dem Wahlergebnis des 15. Oktober wird sich freilich kein potenzieller Nachfolger aus der Deckung wagen. Die Karten für das ganze Land werden in sieben Wochen neu gemischt. Erst danach ist Wien dran, zu zeigen, ob es wirklich so „anders“ ist, wie man abseits der Hauptstadt glaubt.

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