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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Wieder kommt Fressen vor Moral", von Karin Leitner, Ausgabe vom 27. August 2017

Alfred Gusenbauer müsste wissen, was er zu tun hat. Dazu bedürfte es der Selbstreflexion.

Utl.: Alfred Gusenbauer müsste wissen, was er zu tun hat. Dazu
bedürfte es der Selbstreflexion. =

Innsbruck (OTS) - Eigentlich sollte sich die SPÖ nicht von Alfred
Gusenbauer trennen müssen. Er selbst hätte der Partei Adieu zu sagen.

Alfred Gusenbauer war für viele Genossen Hoffnungsträger, als er
die Partei übernahm. Ein g’standener Sozi gehe nun wieder voran, ein
Ideologiefester, einer mit Wurzeln. Viele waren rasch enttäuscht ob
seines Wirkens. Dass ihm teure Rotweine lieber waren als das „übliche
Gesudere“ von Funktionären, missfiel.
Gusenbauer ist längst nicht mehr SPÖ-Chef, Sozialdemokraten
erzürnt er mehr denn je. Grund für den Ingrimm: Tal Silberstein, den
Gusenbauer in zwei Wahlkämpfen zu Rate gezogen hatte, und mit dem er
geschäftlich verbandelt ist, wurde verhaftet. In eine
Bestechungsaffäre soll er verwickelt sein. Der Geldwäsche wird er
verdächtigt. Es geht um Diamanten, Gold, Grundstücksspekulationen.
Christian Kern, dem Silberstein ebenfalls Kampagnen-Ezzes gab, hat
sich von diesem losgesagt. Die Sache ist für die SPÖ deshalb nicht
ausgestanden. Logisch in einem Wahlkampf; da lauert die
Polit-Konkurrenz auf alles, das ihr nützen könnte. Logisch, dass
nicht nur sie die Roten zeiht, einen in ihren Reihen zu haben, der so
gar nicht dem entspricht, was gepredigt wird. Gusenbauer ist ja nicht
einfaches Parteimitglied; er präsidiert die SPÖ-Bildungsakademie und
ist Vize der Sozialistischen Internationale. Kern traut sich wohl
nicht, zu sagen: „Alfred, es reicht!“ – und ihn seiner
Parteifunktionen zu entheben. Das sollte auch nicht nötig sein.
Gusenbauer müsste wissen, was er zu tun hat. Dazu bedürfte es der
Sebstreflexion. An der mangelt es ihm gewaltig. Als mediales Opfer
sieht er sich, „Kesseltreiben“ ortet er. Und befindet: „Ich bin ein
gesetzestreuer, österreichischer Kaufmann und Steuerzahler – und
leiste, wo ich kann, meinen Beitrag für die Sozialdemokratie.“ Seine
Leistung: Er trägt zu deren Abstieg bei.

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