Veröffentlichung von Bildern einer Verstorbenen verstößt gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Die Veröffentlichung von Bildern einer Verstorbenen zu der Schlagzeile „Frau im Keller einbetoniert“ auf der Titelseite der Tageszeitung „Österreich“ vom 15.03.2017 und zum dazugehörigen Artikel „Steirer betonierte Frau (42) in Keller ein“ in derselben Ausgabe verstößt gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Im Artikel wird berichtet, dass im Keller eines Hauses in der Steiermark die einbetonierte Leiche einer Ungarin gefunden worden sei. Es handle sich bei der Verstorbenen um eine ungarische Prostituierte, die seit Dezember verschwunden sei. Über den Hausbesitzer sei inzwischen die Untersuchungshaft verhängt worden, er behaupte aber, die Frau – eine „Prostituiertenkollegin“ seiner derzeitigen Lebensgefährtin – bereits tot im Haus aufgefunden und in Panik einbetoniert zu haben. Sowohl auf der Titelseite als auch zum Artikel wird ein unverpixeltes Foto der Verstorbenen gezeigt.

Der Anwalt der Medieninhaberin hält in seiner Stellungnahme fest, dass der Bericht wahr sei und in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben stehe. Im Bericht gehe es um eine schwerwiegende Straftat und ein aufsehenerregendes Ermittlungsverfahren. Dass ein überwiegendes öffentliches Interesse vorliegt, erkenne man auch daran, dass viele andere österreichische Medien über den Fall berichtet haben. In keiner Weise eingegangen wurde auf die Verwendung eines unverpixelten Fotos des Opfers.

Der Senat weist darauf hin, dass ursprünglich davon auszugehen war, dass es sich bei der verstorbenen Frau um ein Mordopfer handelt. In der Zwischenzeit stellte sich jedoch heraus, dass die Frau wahrscheinlich nicht ermordet wurde. Für die Bewertung des Falles ist laut Senat allerdings entscheidend, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens des Berichts ein Gewaltverbrechen wahrscheinlich war und der Fall in den Medien auch so präsentiert wurde. Daher gelten für die Verstorbene die Grundsätze des Opferschutzes.

Der Senat stimmt mit dem Anwalt darin überein, dass es in dem beanstandeten Bericht um Ermittlungen zu einer schweren Straftat geht. Berichte über Mordfälle und die Ermittlungen dazu sind grundsätzlich von öffentlichem Interesse. Vor diesem Hintergrund ist es auch verständlich, dass andere österreichische Medien ebenfalls ausführlich über den konkreten Fall berichteten. Aus dem öffentlichen Interesse an den Ermittlungen in diesem Fall ergibt sich jedoch nicht, dass der Persönlichkeitsschutz des Opfers missachtet werden darf. Bei keinem der Berichte in anderen Medien wurden unverpixelte Fotos der Verstorbenen veröffentlicht. Offenbar berücksichtigten die anderen Medien die Interessen des Opfers.

Nach Meinung des Senats verstößt die Veröffentlichung der Fotos der Verstorbenen gegen den Persönlichkeitsschutz (Punkt 5 des Ehrenkodex). Die Identität des Opfers hätte nicht Preis gegeben werden dürfen. Das vermeintliche Mordopfer stand weder im öffentlichen Leben noch hatte es einen besonderen Bekanntheitsgrad, so der Senat weiter. Die Veröffentlichung der Bilder trug auch nicht zum Verständnis des Sachverhalts bei. Nach Ansicht des Senats liegt hier eine postmortale Verletzung des Opferschutzes vor. Der Senat weist auch noch auf die Diskrepanz hin, dass das Foto des vermeintlichen Täters im Gegensatz zu denen des vermeintlichen Opfers mit einem schwarzen Balken versehen wurde.

Der Senat stellt den Verstoß gegen den Ehrenkodex fest und fordert die Medieninhaberin auf, die Entscheidung freiwillig in der Tageszeitung „Österreich“ zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINER LESERIN

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der Tageszeitung „Österreich“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberin der Tageszeitung „Österreich“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats anerkannt.

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Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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