Presserat zum „Babykatzengate“

Wien (OTS) - Der Senat 1 des Presserats beschäftigte sich mit den Artikeln „Saufen und Kiffen auf Kosten der Steuerzahler“, veröffentlicht am 8.3.2017 auf „krone.at“, sowie „Ex-LH Dörfler tritt zurück“ (Rubrik „Kärnten inoffiziell“; zweiter Teil), erschienen auf Seite 18 der Kärnten-Ausgabe der „Kronen Zeitung“ vom 10.03.2017. Nach Meinung des Senats verstoßen diese Artikel gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In den beiden Artikeln wird über ein „Reisetagebuch“ von drei jungen Schriftstellerinnen berichtet, das im Februar in der Wochenendbeilage „Album“ der Tageszeitung „Der Standard“ erschienen ist. Es werden einige Stellen dieses „Reisetagebuchs“ erwähnt, insbesondere, dass die Autorinnen Haschisch konsumiert hätten, sich mit Mini-Rock, ohne BH und mit rotem Lippenstift abends am Strand „willig“ unter die einheimischen Männer gemischt, diese aber nicht weiter auf sie reagiert hätten und eine der Autorinnen eine „Baby-Katze“ getreten hätte. Die Journalisten von „krone.at“ und der „Kronen Zeitung“ kritisieren das in dem „Reisetagebuch“ geschilderte Verhalten scharf und weisen auch noch darauf hin, dass zwei der Autorinnen für die Reise ein Stipendium vom Kunstministerium jeweils in Höhe von 750 Euro bekommen haben.

Mehrere Leserinnen und Leser haben sich an den Presserat gewandt und die Artikel beanstandet.

Der Senat hielt zunächst fest, dass es selbstverständlich mit den medienethischen Grundsätzen des Ehrenkodex für die österreichische Presse vereinbar ist, im Rahmen von Kommentaren Texte zu analysieren, diese negativ zu bewerten und sich dafür auszusprechen, dass die Verfasserinnen und Verfasser keine staatliche Förderung (im konkreten Fall: Reisestipendien des Kulturministeriums) verdient hätten.

Der Senat beanstandete allerdings, dass die Journalisten in ihrer Kritik darauf hätten hinweisen müssen, dass es sich bei dem kritisierten „Reisetagebuch“ um einen literarischen Text und nicht um einen Tatsachenbericht handelt. Für die Erkennbarkeit als literarischer Text spricht nicht nur, dass er von einer Schriftstellerin verfasst und im Literaturteil einer Tageszeitung veröffentlicht wurde, so der Senat weiter. Auch einige offensichtliche, bewusste Übertreibungen und Zuspitzungen im Text weisen darauf hin.

Beide Artikel verstoßen daher gegen Punkt 2 des Ehrenkodex, wonach Nachrichten gewissenhaft und korrekt wiedergegeben werden müssen.

Den Artikel „Ex-LH Dörfler tritt zurück“ (Rubrik „Kärnten inoffiziell“; im zweiten Teil geht es ausschließlich um Stefanie Sargnagel) prüfte der Senat darüber hinaus auch im Hinblick auf Punkt 5 des Ehrenkodex (Persönlichkeitsschutz). Der Senat kritisierte die Verwendung des Begriffs „Fäkal-Autorin“ für die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel. Auch wenn sie als Schriftstellerin in ihren Texten ihre ideologischen Gegner angreift, stufte der Senat diese Bezeichnung als Persönlichkeitsverletzung ein.

Aus medienethischer Sicht für besonders problematisch bewertete der Senat den letzten Absatz des Artikels, in dem die Rede von „der willigen Sargnagel“ ist. Diese Bezeichnung empfand der Senat als herabwürdigend. Nach Auffassung des Senats kann diese persönlichkeitsverletzende Wortwahl nicht damit gerechtfertigt werden, dass in dem literarischen „Reisetagebuch“ erwähnt wird, dass sich die Schriftstellerinnen „willig“ an den Strand zu Einheimischen setzten, diese jedoch bloß „eingeraucht Uno spielen“ wollten. Auch hier ist der Kontext entscheidend, denn im nächsten Satz heißt es im „Reisetagebuch“: „Der Kölner Hauptbahnhof hat echt zu viel versprochen!“ Es stünde dem Autor des Artikels nach Ansicht des Senats zwar frei, diese Passage als unpassend oder gegenüber den Opfern der Ereignisse in Köln als taktlos zu kritisieren. Die Autorin aufgrund dieser Persiflage jedoch allgemein als „willig“ zu bezeichnen, hält der Senat keinesfalls für gerechtfertigt.

Darüber hinaus kritisierte der Senat, dass in dem Artikel der Standort der Wohnung, die Stefanie Sargnagel als Stadtschreiberin von der Stadt Klagenfurt für ein halbes Jahr zur Verfügung gestellt bekommt, angeführt wird. Aufgrund der Berichterstattung auf „krone.at“ und in der „Kronen Zeitung“ wurde die Schriftstellerin wüst beschimpft und bedroht. Die Veröffentlichung des Wohnorts erhöhte die Gefährdung der Betroffenen.

Der Artikel „Ex-LH Dörfler tritt zurück“ verstößt laut Senat somit auch gegen Punkt 5 des Ehrenkodex.

Der Senat stellte die Verstöße fest und forderte die Medieninhaberinnen auf, die Entscheidung in den betroffenen Medien zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN MEHRERER LESERINNEN UND LESER

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund von Mitteilungen mehrerer Leserinnen und Leser ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund von Mitteilungen). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.

Rückfragen & Kontakt:

Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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