• 05.05.2017, 13:22:35
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Zeitzeugin Schneider: "Es tat weh und es wird immer wehtun"

Erinnerungen von Holocaust-Überlebender bei Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus

Utl.: Erinnerungen von Holocaust-Überlebender bei Gedenktag gegen
Gewalt und Rassismus =

Wien (PK) - Sie sei eine der letzten derer, die den Holocaust
überlebt haben und noch darüber erzählen können. Deshalb sei sie
hier. Das betonte die Historikerin Gertrude Schneider heute
anlässlich des Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus im Parlament. In
berührender Weise schilderte Schneider bei der traditionellen
Veranstaltung im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus nicht
nur ihre eigenen Erlebnisse, sondern auch die ihres Mannes, Eric
Schneider, der die Shoah ebenfalls überlebte und mit dem sie seit 65
Jahren verheiratet ist.

Mit der Rede im Parlament erfülle sie auch den Wunsch ihres Vaters,
hob Schneider hervor. Dieser habe ihr 1938, zu ihrem 10. Geburtstag,
ein Tagebuch geschenkt und sie ermahnt, alles aufzuschreiben, was
wichtig sei. Sie habe alles erlebt: Drohungen, Vertreibung, Verarmung
und Deportation "in eine teuflische Welt" mit Ghettos,
Konzentrationslagern und Todesmärschen. Der Einmarsch der
Nationalsozialisten in Österreich sei der Auftakt zum Völkermord
gewesen: "Eine Katastrophe, die man weder erwartet hatte noch
vergessen kann."

Schneider berichtete unter anderem vom Verweis 1938 von ihrer Schule,
die Delogierung der Familie und die Novemberpogrome. "Ich durfte
nicht weinen", obwohl es weh tat und immer noch wehtue. Es habe aber
auch bessere Zeiten gegeben. So sei das Jahr 1940 relativ friedlich
gewesen. Sie sei in die Schule gegangen und habe dort sogar
Mittagessen bekommen. "Wir fingen zu hoffen an." Ab 1941 hätten dann
aber die Deportationen in großem Stil begonnen.

Ihre Festigkeit habe sie seinerzeit im Wiener Turnertempel bekommen,
wo in wundervoller Weise Religion unterrichtet wurde, erzählte
Schneider. Sie habe immer an Gott geglaubt und glaube heute noch. Zum
Abschluss sang Schneider mit klarer Stimme die damalige Tempel-
"Hymne" und erntete dafür minutenlange Standing Ovations vom
Auditorium, mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen,
Bundeskanzler Christian Kern, Nationalratspräsidentin Doris Bures und
Bundesratspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann an der Spitze. Auch ihr
Mann Eric Schneider war unter den Gästen.

Gertrude Schneider wurde als 13-Jährige mit ihren Eltern und ihrer
jüngerer Schwester im Februar 1942 aus Wien nach Riga deportiert und
als das dortige Ghetto liquidiert wurde, in das Konzentrationslager
Kaiserwald gebracht. Im August 1944 schafften die Nazis die Familie
mit Schiffen über die Ostsee nach Danzig und von dort weiter in das
KZ Stutthof. Während ihr Vater im Konzentrationslager Buchenwald zu
Tode kam, überlebte Schneider, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer
Schwester, den Holocaust. 1947 wanderte die Familie, nicht zuletzt
wegen der schlechten Behandlung nach ihrer Rückkehr nach Wien, in die
USA aus.

In ihrem Tagebuch dokumentierte Schneider nicht nur die grausamen
Umstände des Ghettolebens präzise. Sie notierte auch alltägliche
Dinge und Momente des Glücks, der Liebe und der Poesie. Als
Historikerin arbeitete sie später an der City University in New York
und publizierte mehrere Bücher über die Geschehnisse im
Nationalsozialismus. Heute lebt sie in New Jersey und Miami Beach.

Die heutige Gedenkrede war nicht der erste Auftritt Schneiders im
Parlament. Schon im Mai 2013 war sie Gast in der Demokratiewerkstatt.
Im Rahmen einer Workshop-Serie zur "Annexion 1938" gab sie
SchülerInnen Einblick in jene Zeit, in der ihre unbeschwerten ersten
Kinderjahre in Wien ein jähes Ende fanden. (Schluss) gs

HINWEIS: Fotos vom Gedenktag finden Sie auf der Website des
Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.

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