• 05.05.2017, 11:40:28
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Oesterreichs Energie Trendforum diskutierte Auswirkungen der Digitalisierung auf die Stromversorgung

Innovative Konzepte zur Teilnahme der Kunden am Energiesystem der Zukunft bieten neue Chancen für E-Wirtschaft

Utl.: Innovative Konzepte zur Teilnahme der Kunden am Energiesystem
der Zukunft bieten neue Chancen für E-Wirtschaft =

Wien (OTS) - Einen profunden Kulturwandel, der sowohl für die
Elektrizitätswirtschaft als auch für ihre Kunden neue Chancen und
Herausforderungen bringen wird, erwarteten Vertreter von Politik,
Behörden, Unternehmen und E-Wirtschaft im Rahmen eines Trendforums
von Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung der E-Wirtschaft
am Donnerstagabend. Technologieminister Jörg Leichtfried betonte,
„die Digitalisierung kommt, das steht außer Frage. Wir werden unseren
Standort so herrichten, dass unsere Unternehmen und die Arbeitskräfte
von dieser Entwicklung profitieren.“

Wolfgang Anzengruber, Präsident von Oesterreichs Energie, der
Interessenvertretung der E-Wirtschaft, erklärte, die Branche sei sich
der kommenden Veränderungen durchaus bewusst und könne sich ihnen
„mit Selbstvertrauen“ stellen. Anzengruber: „Die neuen Technologien
bieten den Energieversorgern große Chancen.“ Um diese nutzen zu
können, benötige die E-Wirtschaft freilich geeignete
Rahmenbedingungen. Dazu gehörten laut Anzengruber unter anderem der
Ausbau der Breitband-Infrastruktur für die Datenkommunikation ebenso
wie die Anpassung der rechtlichen und regulatorischen Vorgaben. So
benötigte beispielsweise VERBUND sechs Monate für die Durchführung
eines Blockchain-Pilotprojekts. Vorangegangen waren indessen
ebenfalls sechs Monate, um sicherzustellen, dass dies auf einer
einwandfreien rechtlichen Basis erfolgte. An den Energieunternehmen
selbst wiederum liegt es laut Anzengruber, noch dynamischer zu werden
und unter anderem neue Kooperationsformen zu finden, etwa mit
Start-ups. Die Ausrichtung der Energieunternehmen auf größtmögliche
Sicherheit habe hinsichtlich der Stromversorgung auch weiterhin ihren
Platz. Im Vertriebsbereich dagegen müsse die Branche bereit sein,
„kalkulierbare Risiken einzugehen und sich einzugestehen, dass nicht
alles planbar ist. Manche unserer Businesspläne haben eine Laufzeit
von 100 Jahren. Das ist bei der Zusammenarbeit mit Start-ups eher
schwierig.“

Damit alle Kunden der E-Wirtschaft an der künftigen Energiewelt
teilhaben können, will die Branche ihre Kunden „ermächtigen, als
unsere Partner am System teilzunehmen“, so Generalsekretärin Barbara
Schmidt. Dies ist neben dem verstärkten Einsatz vom Strom im
Energiesystem sowie dem Ausbau der erneuerbaren Energien die „dritte
Säule“ der „Stromstrategie Empowering Austria von Oesterreichs
Energie“ erläuterte Schmidt. Eine maßgebliche Rolle bei dieser
„Ermächtigung“ spielt die Digitalisierung, die Chancen eröffnet, „die
Kunden und deren Bedürfnisse noch besser kennen zu lernen und ihnen
zugleich die Sicherheit zu geben, dass mit ihren Daten sorgsam
umgegangen wird“. Dies werde die Branche im Rahmen eines
Open-Innovation-Prozesses in den kommenden Monaten auf breiter Basis
diskutieren, kündigte Schmidt an. „Denn der Umbau des Energiesystems
ist nicht nur ein Projekt der E-Wirtschaft sondern ein
gesellschaftliches Projekt, das wir nur gemeinsam schaffen werden.“

Infrastrukturminister Jörg Leichtfried gab sich überzeugt, dass die
Digitalisierung sogar Arbeitsplätze bringen könne, „wenn wir bei
Industrie 4.0 zu den Besten gehören. Wir werden die Digitalisierung
nützen, um neue, gut bezahlte Arbeitsplätze nach Österreich zu
holen.“ Österreichischen Unternehmen sei in vielen Sektoren gelungen
sich am Weltmarkt zu etablieren, etwa in der Metallindustrie, der
Elektronikindustrie sowie im Auto-Zuliefersektor: „Daher können wir
das auch in der E-Wirtschaft schaffen.“ Der Minister sicherte zu, den
Breitbandausbau weiter zu forcieren und sich dafür einzusetzen, den
Rechtsrahmen für die Wirtschaft zu adaptieren. Österreichische
Start-ups werden unter anderem mit Steuererleichterungen unterstützt.
Hinsichtlich des Datenschutzes gelte es, „faire Regeln für alle“
zustande zu bringen. So müsse etwa bezüglich des automatisierten
Fahrens geklärt werden, „wem die dabei anfallenden Daten gehören“.
Daten werden laut Leichtfried der „Rohstoff der Zukunft“ sein.
Bildung, Fort- und Weiterbildung seien der Schlüssel, um die
umfassende Digitalisierung zu einem Erfolg für die gesamte
Gesellschaft zu machen. Ein zentrales Anliegen bei der Versorgung mit
erneuerbarer Energie müsse weiters die „soziale Gerechtigkeit“ sein,
betonte Leichtfried: „Es darf nicht sein, dass eine kleine Gruppe
Profite einstreicht und die breite Mittelschicht die gesamte Last
trägt. Die Energiewende muss bedeuten: sichere, saubere und leistbare
Energie für jeden Österreicher und jede Österreicherin.“

Digitalisierungsschub binnen weniger Jahre verändert die
Gesellschaft

Nicht nur die Energiewirtschaft ändert sich grundlegend. Vielmehr ist
ein „tiefgreifender Kulturwandel“ festzustellen, konstatierte
Vladimir Preveden, Managing Partner beim Beratungsunternehmen Roland
Berger. Träger dieses Wandels seien jene Generationen, die derzeit in
einem bereits weitgehend digitalisierten Umfeld aufwachsen und im
Jahr 2020 bereits rund 44 Prozent der Bevölkerung ausmachen werden:
„Das sind die zukünftigen Kunden der E-Wirtschaft, die völlig neue
Ansprüche stellen. Sie geben gerne Geld aus, wenn sie dafür erhalten,
was sie wirklich wünschen. Und sie sind in der Lage, weltweit aus
Angeboten aller Art zu wählen.“ Für die E-Wirtschaft stellt sich laut
Preveden daher die Frage, wie sich diese Personen ansprechen, ja mehr
noch, begeistern lassen.

Laut Preveden werden schon 2020 rund 85 Prozent der Kundenkontakte
über Maschinen wie Alexa und Pepper erfolgen: „Deshalb muss sich die
E-Wirtschaft fragen, wie sie solche Möglichkeiten nutzen kann.“
Unverzichtbar ist ihm zufolge auch der Einsatz von Methoden der
Psychometrie. Dabei handelt es sich um einen „datengetriebenen Zweig
der Psychologie“, mit dem Ziel, Verhaltensprofile von Kunden zu
erstellen, die sich in der Folge kommerziell nutzen lassen. An Daten
für solche Zwecke mangelt es nicht, betonte Preveden: „Ein
Smart-Phone ist ein Fragebogen, den man permanent ausfüllt.“ Ein
Übriges leisten „Social-Media“-Programme wie Facebook. Mit solchen
Werkzeugen könne ein Unternehmen jeden einzelnen Kunden individuell
ansprechen: „Man kann jeder Person die Wirklichkeit vorgaukeln, die
sie möchte, und das geschieht auch bereits.“

Erhebliches Potenzial billigt Preveden weiters der
Blockchain-Technologie zu. Dabei werden die Daten über die
Transaktionen zwischen den Personen, die an einem Geschäftsprozess
beteiligt sind, in „Blöcken“ zusammengefasst und verschlüsselt
dezentral auf den Rechnern im jeweiligen Netzwerk gespeichert. Auf
diese Weise sollen die Transaktionen vor Manipulationen weitestgehend
sicher sein. Diese Technologie könnte es Privatpersonen ermöglichen,
Strom zu verkaufen und damit in Konkurrenz zu den klassischen
Energieunternehmen zu treten. Die E-Wirtschaft sei daher gut beraten,
sich noch stärker als bisher an den Kunden auszurichten: „Niemand
weiß, was in zehn Jahren sein wird. Aber gerade deshalb sollte man
sich überlegen, wohin man möchte. Es gilt, digitale Kundenplattformen
aufzubauen, das Branchendenken zu überwinden und neue
Schlüsseltechnologien einzusetzen.“

Neue Wege der Kundenkommunikation – von der Assetorientierung
zur Kundenorientierung

Der Spartensprecher Handel & Vertrieb von Oesterreichs Energie,
Michael Strebl, sprach sich dafür aus, „weniger über die Risiken der
neuen Entwicklungen und mehr über die damit verbundenen Chancen zu
reden“. Neben der Digitalisierung sieht Strebl vor allem zwei Trends,
die die E-Wirtschaft derzeit prägen: den Ausbau der erneuerbaren
Energien und das Aufkommen neuer Anforderungen seitens der Kunden:
„Diese drei Themen kommen zusammen und verändern das Energiesystem.
Es werden Dinge möglich, die noch vor zehn Jahren als undenkbar
galten.“ Deshalb müsse die E-Wirtschaft neue Wege gehen. Es gelte,
von einem auf Vermögenswerte wie Kraftwerke ausgerichteten Denken zu
einem „kundenzentrierten Denken“ zu kommen. Mit der Digitalisierung
und den damit verbundenen Technologien könne es gelingen, Kunden
gezielt anzusprechen und ihnen maßgeschneiderte Angebote zu machen.
Dabei spielen Strebl zufolge Bündelprodukte aus Energielieferung und
begleitenden Dienstleistungen eine wesentliche Rolle. „Wir haben gute
Chancen, zum umfassenden Dienstleister, zum Provider, zu werden“,
betonte Strebl. Früher waren die Kraftwerke das größte Asset der
E-Wirtschaft, heute sind es die Kunden, die im Mittelpunkt stehen.

E-Control: Zugang für alle Bevölkerungsgruppen offen halten

Christina Veigl-Guthann, die Leiterin der Abteilung Endkunden der
Energiemarkt-Regulierungsbehörde E-Control, konstatierte, für etliche
Kunden sei die Digitalisierung nach wie vor kein Thema und werde dies
auch kaum jemals werden: „Manche werden Systeme wie Alexa nie nutzen,
weil sie keinen virtuellen Begleiter wollen. Auch solche Kunden
müssen die Energieunternehmen weiter ansprechen.“ Noch immer habe
rund ein Viertel der österreichischen Bevölkerung keinen Zugang zum
Internet. Aber auch etliche Personen, die über einen Zugang verfügen,
„sind nicht bereit, online Geschäfte zu machen“. Ferner liege der
Durchschnittsverdienst in Österreich bei etwa 1600 Euro brutto. Dies
setze der massenhaften Verbreitung digitaler Technologien Grenzen.
Das Gros der Anfragen von Kunden an die E-Control befasse sich denn
auch nach wie vor mit „klassischen“ Themen, etwa schwer
verständlichen oder als zu hoch betrachteten Rechnungen. „Die
künftige Energiewelt muss eine Welt sein, in der der Kunde im
Mittelpunkt steht, sich auskennt und mitgenommen wird“, forderte
Veigl-Guthann.

Nutzen und Kundeninteraktion im Vordergrund

Felix Lossin, Manager des Startups BEN Energy, das sich auf
Kundenanalysen spezialisiert hat und Unternehmen der E-Wirtschaft
berät, erklärte, dass die Segmentierung der Kunden die Zukunft sei.
Nicht jeder könne jedem alles anbieten, Spezialisierung auf Basis der
Kenntnis der Kundenbedürfnisse biete große Chancen. Das erfordere
auch Mut, denn neue Angebote könne man als „Testballons“ starten
lassen, die gut gehen, aber ab und an auch scheitern können. Und auch
die Kommunikation müsse sich ändern, den individuellen
Kundenbedürfnissen anpassen, denn nicht für jeden sei z.B. das Thema
Preis am wichtigsten. Seiner Ansicht nach haben die traditionellen
Energieunternehmen an der Startlinie zur digitalen Welt einen
wichtigen Wettbewerbsvorteil - die allein schon geographische Nähe zu
ihren Kunden. Diese „regionale Verankerung“ gelte es zu nutzen - auch
im Rahmen neuer Kooperationen und Partnerschaften. Kundeninteraktion
steht dabei im Vordergrund.

Oesterreichs Energie Trendforum ist eine Diskussionsreihe zur
Erörterung von Zukunftsfragen bezüglich Strom und Energie. Das
Trendforum wurde 2012 etabliert und findet vier Mal jährlich in Wien
statt. Bisherige Themen waren unter anderem das unterschätzte Risiko
Blackout, der Standortfaktor Strom, die Überregulierung des
Energiesektors sowie der Weltklimagipfel von Paris.

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