• 06.04.2017, 22:00:16
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  • OTS0284

Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 7. April 2017; Leitartikel von Thomas Hörmann: "Das Ende der Scheinheiligkeit"

Innsbruck (OTS) - Tirol ist auch beim Thema Prostitution im 21.
Jahrhundert angekommen. Wenn das neue Gesetz tatsächlich beschlossen
wird, ist mit deutlich mehr Bordellen, aber weniger Straßenstrich zu
rechnen. Zeit wird’s.

Das heilige Land Tirol – beim Thema Prostitution bisher eher ein
scheinheiliges Land. Während offizielle Bordelle bis heute
bestenfalls geduldet, meist aber erfolgreich verhindert werden, blüht
in Innsbruck die illegale Prostitution. Obwohl die Polizei seit vier
Jahren sehr energisch gegen Straßen- und Wohnungsstrich ankämpft,
ließ sich das Gunstgewerbe nie ganz aus der Landeshauptstadt drängen.
Zu groß sind die Verdienstmöglichkeiten, zu lahm die Gesetze.
Doch das könnte sich jetzt ändern: Wenn es nach der
Landesregierung geht, fällt demnächst die umstrittene Bedarfsprüfung
für Bordelle. Ein Instrument der Willkür ohne klare Kriterien, mit
dem die Behörden bisher jedes noch so gut geplante
Freudenhaus-Projekt vereiteln konnten. Und das auch sehr häufig
taten, wie der Vergleich mit anderen Bundesländern zeigt: Tirol – elf
Bordelle, Burgenland – 32, Salzburg – 40, Kärnten – 41, Steiermark –
120. Anders ausgedrückt: Während auf ein Tiroler Bordell 67.000
Einwohner kommen, sind es in den anderen Bundesländern 10.000 bis
13.0000 Menschen pro Freudenhaus.
Die Statistik zeigt deutlich, dass die eklatanten Unterschiede bei
der Bordelldichte letztlich nur eine Ursache haben: die
Bedarfsprüfung, die es nur noch in Tirol gibt, in allen anderen
Regionen Österreichs regelt die tatsächliche Nachfrage das Angebot.
Auffällig ist aber auch, dass die in Innsbruck so präsente illegale
Prostitution in den übrigen Bundesländern kein Thema ist. Die Lehre
daraus: Offenbar ist es sehr wohl möglich, mit einem breiteren
legalen Angebot das illegale zu verdrängen. Und das Angebot wird auch
in Tirol breiter werden, wenn die Bedarfsprüfung Geschichte ist. Wie
breit, lässt sich noch schwer abschätzen. 40 statt bisher elf
Bordelle wie etwa in Salzburg oder Kärnten sind durchaus im Bereich
des Möglichen.
Die Landesregierung fährt im Kampf gegen das illegale
Rotlichtmilieu aber zweigleisig und setzt künftig auch auf wirksamere
Gesetze: So sollen nicht nur Geheimprostituierte, sondern auch deren
Kunden belangt werden können. Allein die Aussicht auf einen RSA-Brief
im Familien-Postkasten wird viele Freier abschrecken. Dazu kommt,
dass die illegale Prostitution in Zukunft kein Fortsetzungsdelikt
mehr sein wird. Damit können die Damen mehrmals täglich statt einmal
in drei Monaten angezeigt und mit Geldstrafen belegt werden. Wenn die
Polizei die neuen Möglichkeiten nutzt, wird sich der Straßenstrich
nicht mehr lohnen. Fazit: Das neue Gesetz könnte endlich eine
wirksame Waffe gegen den Straßenstrich sein.

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