Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 7. April 2017; Leitartikel von Thomas Hörmann: "Das Ende der Scheinheiligkeit"

Innsbruck (OTS) - Tirol ist auch beim Thema Prostitution im 21. Jahrhundert angekommen. Wenn das neue Gesetz tatsächlich beschlossen wird, ist mit deutlich mehr Bordellen, aber weniger Straßenstrich zu rechnen. Zeit wird’s.

Das heilige Land Tirol – beim Thema Prostitution bisher eher ein scheinheiliges Land. Während offizielle Bordelle bis heute bestenfalls geduldet, meist aber erfolgreich verhindert werden, blüht in Innsbruck die illegale Prostitution. Obwohl die Polizei seit vier Jahren sehr energisch gegen Straßen- und Wohnungsstrich ankämpft, ließ sich das Gunstgewerbe nie ganz aus der Landeshauptstadt drängen. Zu groß sind die Verdienstmöglichkeiten, zu lahm die Gesetze.
Doch das könnte sich jetzt ändern: Wenn es nach der Landesregierung geht, fällt demnächst die umstrittene Bedarfsprüfung für Bordelle. Ein Instrument der Willkür ohne klare Kriterien, mit dem die Behörden bisher jedes noch so gut geplante Freudenhaus-Projekt vereiteln konnten. Und das auch sehr häufig taten, wie der Vergleich mit anderen Bundesländern zeigt: Tirol – elf Bordelle, Burgenland – 32, Salzburg – 40, Kärnten – 41, Steiermark – 120. Anders ausgedrückt: Während auf ein Tiroler Bordell 67.000 Einwohner kommen, sind es in den anderen Bundesländern 10.000 bis 13.0000 Menschen pro Freudenhaus.
Die Statistik zeigt deutlich, dass die eklatanten Unterschiede bei der Bordelldichte letztlich nur eine Ursache haben: die Bedarfsprüfung, die es nur noch in Tirol gibt, in allen anderen Regionen Österreichs regelt die tatsächliche Nachfrage das Angebot. Auffällig ist aber auch, dass die in Innsbruck so präsente illegale Prostitution in den übrigen Bundesländern kein Thema ist. Die Lehre daraus: Offenbar ist es sehr wohl möglich, mit einem breiteren legalen Angebot das illegale zu verdrängen. Und das Angebot wird auch in Tirol breiter werden, wenn die Bedarfsprüfung Geschichte ist. Wie breit, lässt sich noch schwer abschätzen. 40 statt bisher elf Bordelle wie etwa in Salzburg oder Kärnten sind durchaus im Bereich des Möglichen.
Die Landesregierung fährt im Kampf gegen das illegale Rotlichtmilieu aber zweigleisig und setzt künftig auch auf wirksamere Gesetze: So sollen nicht nur Geheimprostituierte, sondern auch deren Kunden belangt werden können. Allein die Aussicht auf einen RSA-Brief im Familien-Postkasten wird viele Freier abschrecken. Dazu kommt, dass die illegale Prostitution in Zukunft kein Fortsetzungsdelikt mehr sein wird. Damit können die Damen mehrmals täglich statt einmal in drei Monaten angezeigt und mit Geldstrafen belegt werden. Wenn die Polizei die neuen Möglichkeiten nutzt, wird sich der Straßenstrich nicht mehr lohnen. Fazit: Das neue Gesetz könnte endlich eine wirksame Waffe gegen den Straßenstrich sein.

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