• 21.03.2017, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 22. März 2017 von Michael Sprenger "Häupls zweiter Versuch"

Innsbruck (OTS) - Dass es der Wiener Bürgermeister verabsäumt hat,
frühzeitig seine Nachfolge zu regeln, braucht man ihm nicht zu sagen.
Das weiß er selbst. Doch er bekommt eine zweite Chance. Deshalb tritt
er am Parteitag erneut für den Vorsitz an.

Am kommenden Samstag wird Erwin Pröll noch einmal den Glanz der
Bühne, der ihm von der Volkspartei bereitet wird, in vollen Zügen
genießen können. Im Anschluss, wenn Johanna Mikl-Leitner nach einem
tollen Ergebnis als neue Vorsitzende der niederösterreichischen ÖVP
bejubelt werden wird, dürfte es noch einmal unruhig werden in der
Wiener SPÖ. Michael Häupl solle endlich die Nachfolge regeln, er
solle sich ein Beispiel an Pröll (und an Josef Pühringer) nehmen. So
oder so ähnlich könnten sich die üblichen Verdächtigen zu Wort
melden. Doch das war’s dann auch. Häupl weiß selbst am besten, dass
er es verabsäumt hat, seine Nachfolge zeitgerecht zu regeln. Er weiß,
dass er seine Ankündigungen vom Abend der für ihn – trotz Verlusten –
erfolgreichen Gemeinderatswahl im Nichts verpuffen ließ. Es war ja
Häupl, der den jubelnden Genossen am 11. Oktober 2015 zurief, dass es
nun darum gehe, „energisch“ über die künftige Parteiarbeit
nachzudenken. Das Nachdenken fand nicht statt. Doch seither ist viel
passiert in der SPÖ.
Werner Faymann wurde im Vorjahr, beim Hochamt der SPÖ, von der Bühne
gepfiffen. Wenig später trat der glücklose Parteivorsitzende und
Kanzler zurück. Faymanns Jünger machten Häupl dafür verantwortlich,
weil er es nicht geschafft hatte, Faymann zu schützen. Sie wollten
dafür gerne Rache nehmen. Doch ihr Kalkül ging nicht auf. Häupl
machte es Faymann nicht gleich, trotzte ihrer Kritik, mimte nicht den
Beleidigten, wird noch einmal für das Amt des Wiener SPÖ-Chefs
antreten. Und seine Gegner werden nicht den Mumm haben, Häupl am
Parteitag herauszufordern. Ihr Protest wird allenthalben ein stiller
in der Wahlurne sein.
Doch die erwartbaren Streichungen werden Häupl nicht erschüttern. Das
schüttelt er ab. Er weiß für sich, dass er nun regeln muss, was zu
regeln ist. Das braucht ihm keiner zu sagen. Daher tritt er noch
einmal für den Parteivorsitz in Wien an, um seinen späteren Abgang –
wie jetzt Pröll – zu zelebrieren. So verhindert er einen Machtkampf
in der Wiener SPÖ auf offener Bühne. So gewinnt er Zeit. Denn, auch
das weiß Häupl, die SPÖ wird er 2020 nicht mehr in die
Gemeinderatswahl führen. Also wird er in Absprache mit Kanzler
Christian Kern nach dem Parteitag „energisch“ über die Zukunft der
Wiener SPÖ nachdenken. Damit die SPÖ bei der Nationalratswahl ihre
Chance nützen – und Häupl danach in der Wiener Partei Fakten schaffen
kann.

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