TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 8. Februar 2017 von Peter Nindler "Und ewig lockt die Wasserkraft"

Innsbruck (OTS) - Der Kriterienkatalog für den Bau von Kleinwasserkraftwerken hat bisher seinen Zweck erfüllt, doch nicht alle Projekt-betreiber und Gemeinden von einem Kleinwasserkraft-Abenteuer mit ungewissem finanziellen Ausgang abgehalten.

Die Goldgräberstimmung an den Tiroler Bächen ist längst vorbei. Die Strompreise sind im Keller, die Investitionskosten vor allem für die Gemeinden kaum aufzubringen. In den vergangenen Jahren errichtete Kleinwasserkraftwerke siechen heute als Zuschussbetriebe dahin – mit wenig Aussicht auf absehbare Einnahmen für die klammen kommunalen Haushalte. So gesehen relativiert sich die in Tirol oft emotional geführte Auseinandersetzung über kleine E-Werke oder Tabuzonen an den Fließgewässern.
Die vom Land aufgestellten Kriterien zur umweltverträglichen und wirtschaftlich sinnvollen Nutzung von Wasserkraft geben deshalb eine wohlüberlegte Zielrichtung vor. Denn nicht jeder Bach sollte verbaut werden. Dass die angebotene Vorbeurteilung allerdings häufig ignoriert wird, beweist die vorliegende Bilanz. Und das, obwohl der Kriterienkatalog bereits vorbeugend wirkt und sich einige Kraftwerksbetreiber Zeit, Mühe und Geld sparen, indem sie auf ökologisch und wirtschaftlich kritische Projekte im Vorhinein verzichten.
Für politischen Wirbel sorgen jedoch stets die Unbelehrbaren. Das Kraftwerk Obere Isel in Osttirol wird keinesfalls durch die Ausweisung des Gletscherflusses als Natura-2000-Schutzgebiet verhindert, sondern das Vorhaben von Virgen und Prägraten fiel schon bei der Vorprüfung beim Kriterienkatalog durch. Die Projektkosten hätten die beiden Gemeinden sinnvoller investieren können.
1100 Wasserkraftanlagen gibt es in Tirol, 850 davon zählen zur Kategorie Kleinkraftwerke. Gleichzeitig sind 650 der 7500 Kilometer Gesamtfließstrecke von Bächen und Flüssen in Tirol verbaut. Bestehende Kleinkraftwerke zu modernisieren, um die Energieressource Wasser noch besser zu nutzen, ist deshalb viel vernünftiger.
Die geplanten und bereits von Umweltminister Andrä Rupprechter (VP) verordneten Tabustrecken sind deshalb nicht einmal eine umweltpolitische Großtat, sondern die Kraft des Faktischen schützt die Bäche. Warum also der Aufstand der Seilbahner gegen die Tabustrecken im Oberland? Ja, sie bangen auch um das Wasser für ihre Schneekanonen, wiewohl das Land bereits Entwarnung gegeben hat. Doch mit ihrem Protest agieren die mächtigen Ischgler Touristiker als wirtschaftspolitische Speerspitze jener Kräfte in der Volkspartei, denen es im Land zu grün geworden ist. Damit wird das Wasser einmal mehr zur Konfliktzone. Grotesk: Denn mit Kleinwasserkraft lässt sich derzeit schließlich nichts verdienen.

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