Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 19. Dezember 2016; Leitartikel von Anita Heubacher: "Heute Flüchtling, morgen arbeitslos?"

Innsbruck (OTS) - Schwierigkeiten in der Integration können heute benannt werden. Das ist ein Fortschritt und vermutlich heilsamer, als die Welt in Gut und Böse zu teilen. Integration wird viel Zeit und viel Geld kosten. Sie ist möglich und alternativlos.

Integration ist ein derart komplexes Thema, dass einem der Eindruck vom Fass ohne Boden in den Sinn kommt. Integration ist möglich. Sie wird viel Zeit und viel Geld kosten und es wird vor allem nichts anderes übrig bleiben. Die Menschen sind nun einmal da, dürften in großer Mehrheit auch bleiben und können nicht so einfach abgeschoben werden in Heimatländer, die sie nicht zurücknehmen. Ein nüchterner Befund, nachdem der Glaube an eine gelungene Integration herbe Rückschläge erlitten hat. Durch Attentäter, die in Europa sozialisiert und zum Teil hier geboren wurden. Durch die Silvesternacht in Köln. Durch den Aufmarsch tausender Türken in Wien, die für die Politik (ihres?) Präsidenten Erdogan auf die Straße gingen, Kurden attackierten und vor der türkischen Botschaft demonstrieren. Türken, die eigentlich Österreicher und hier geboren sind, waren auch darunter. Fassungslosigkeit, selbst unter Integrationsoptimisten, breitete sich aus.
Es sind die Früchte einer Einwanderungspolitik, die nicht gefragt hat, wen wir überhaupt aufnehmen wollen, wen wir aufnehmen müssen und vor allem wie lange Zuwanderer bleiben wollen oder sollen. So sind von wenigen Bevölkerungsgruppen viele gekommen und in vielen Fällen unter sich geblieben. Mit schweren Defiziten für die Gesellschaften auf beiden Seiten. Und der Eindruck entsteht, wir machen den Fehler ein zweites Mal.
Verteilung ist ein Schlüssel zur Integration. Die Verteilung innerhalb der Europäischen Union, innerhalb einer Nation und innerhalb von Systemen. Und in keiner dieser Ebenen funktioniert sie. Nehmen wir das Schulsystem. Wenn wir es als Basis zur Integration sehen, kann es nicht sein, dass die Ärmsten und Schwächsten in manchen Schulen konzentriert werden. Auch den Fehler haben wir schon einmal gemacht und ein Viertel des kindlichen Potenzials liegen gelassen.
Integration steht und fällt mit Ressourcen. Es sollte also ein Warnsignal sein, wenn Pflichtschullehrer darauf aufmerksam machen, dass die Hilfe, die da ist, nicht reicht. Überrumpelt vom Zuwandererstrom im letzten Jahr, arbeitet Österreichs Bundesregierung an einer umfassenden Strategie für Integration und Flüchtlingspolitik.
Noch liegt sie nicht auf dem Tisch, noch zeichnet sie sich nicht schlüssig ab. Und wieder entsteht der Eindruck, dass die Zuwanderungspolitik aus einem Guss doch nicht so ernst gemeint sein könnte. Das brächte Defizite auf allen Seiten.

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