- 15.11.2016, 13:30:37
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Leitl zu „Öxit“: Österreich könnte bis zu 150.000 Arbeitsplätze verlieren
Studie des WPZ zu „Österreich in der EU oder Öxit?“ – 7 Prozent Wohlstandsgewinn durch EU – Professor Keuschnigg: „EU-Rendite für Österreich ist phänomenal“
Utl.: Studie des WPZ zu „Österreich in der EU oder Öxit?“ – 7
Prozent Wohlstandsgewinn durch EU – Professor Keuschnigg:
„EU-Rendite für Österreich ist phänomenal“ =
Wien (OTS) - Nach dem Brexit-Votum in Großbritannien hat die
Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) beim Wirtschaftspolitischen
Zentrum (WPZ) in Wien eine Studie zur Frage „Österreich in der EU
oder Öxit?“ in Auftrag gegeben. Inhaltlich geht es darum, die Vor-
und Nachteile der EU-Mitgliedschaft auf den Tisch zu legen und die
Folgen eines Austrittsszenarios zu bewerten – „auch dann, wenn
derzeit keine im Nationalrat vertretene Parteien einem EU-Austritt
das Wort redet“, so WKÖ-Präsident Leitl. Sehr Besorgnis erregend sei
aber zum Beispiel eine aktuelle Sora-Jugendumfrage, wonach die
Bereitschaft zu einem EU-Austritt unter Österreichs Jugend mit einer
Zustimmungsrate von 28 Prozent deutlich stärker ausgeprägt ist als in
anderen Ländern, etwa in Deutschland, wo das nur 11 Prozent wollen.
„Diese doch beträchtliche Austrittsbereitschaft darf man nicht
verdrängen. Vielmehr muss man mit Fakten jene, die sich einen
Austritt vorstellen können, zum Nachdenken bringen – und zwar vorher,
nicht nachher wie in Großbritannien, wo die Wirtschaft nach dem
Brexit-Votum nun in ein Tal der Tränen läuft.“
„Österreich könnte bei einem EU-Austritt bis zu 150.000 Arbeitsplätze
verlieren. Ein Öxit wäre ein schwerer Rückschlag für den Standort, er
würde zu geringeren Lohnsteigerungen führen und einen
Einkommensverlust von 7 Prozent des BIP bedeuten“, warnt Leitl mit
Verweis auf die Ergebnisse der WPZ-Studie. Gemäß der Faustregel,
wonach 1 Prozent BIP-Plus Steuereinnahmen von 1,5 Mrd. Euro nach sich
zieht, wäre überdies auch ein öffentlicher Einnahmenentfall von rund
10 Milliarden Euro zu bedecken. Davon abgesehen gingen die Folgen
eines Öxit weit über Österreich hinaus, warnt Leitl: „In den USA gilt
nach dem Wahlsieg von Donald Trump ‚America first‘, Präsident Erdogan
will die Türkei zu einer regionalen Hegemonialmacht ausbauen,
Präsident Putin Russland wieder stark machen. Und wir wollen Europa
schwächen? Was wir jetzt brauchen, ist eine Stärkung Europas, ist die
Weiterentwicklung der Europäischen Union, damit wir angesichts der
Herausforderungen in der Welt wieder handlungsfähig sind und die
Globalisierung mitgestalten können.“
„Selbst bei einer egoistischen und rein nationalen Sichtweise hat die
EU Österreich eine phänomenale Rendite gebracht. Den Nettozahlungen
von 0,4 Prozent des BIP steht ein langjähriger Wohlstandsgewinn von 7
Prozent, also des 19-fachen gegenüber. Anders gesagt: Ohne
EU-Beitritt wären wir heute um 7 Prozent ärmer, wäre die
österreichische Wirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten im
Durchschnitt jedes Jahr um 0,5 Prozent weniger gewachsen, als dies
der Fall war“, betont Professor Christian Keuschnigg vom WPZ. Der
EU-Beitritt habe den innovativen Exportunternehmen leichteren Zugang
zum großen EU-Binnenmarkt ermöglicht und ihr Wachstum gestärkt. Er
habe den Wettbewerb belebt, die Preise reduziert und damit die reale
Kaufkraft gestärkt. Und der ungehinderte Zugang zum Binnenmarkt hat
Direktinvestitionen multinationaler Unternehmen begünstigt, die sich
seit 1995 fast verfünffacht haben. Keuschnigg: „Multinationale
Unternehmen kommen nicht zu uns, weil Österreich so ein riesiger
Markt wäre, sondern weil sie andere Standortvorteile nutzen und dann
wieder in den EU-Markt und andere Märkte exportieren wollen.“ Für
etwa 28 % der Direktinvestitionen sei die EU-Mitgliedschaft
ausschlaggebend.
Ausländische Töchter machen in Österreich nur 3,2 % aller Unternehmen
aus, stellen jedoch mit 566.000 Personen ein Fünftel der
Beschäftigten, erwirtschaften ein Drittel (34,5 %) der Umsatzerlöse
und mehr als ein Viertel (26,2 %) der Wertschöpfung.
„Ein Öxit würde die Umkehrung all dessen bedeuten, was die EU
Österreich gebracht hat“, warnt Keuschnigg, wobei das Ausmaß der
negativen Konsequenzen je nach Szenario unterschiedlich stark
ausfallen würde: bei einem „hard Öxit“, also einer Zurückstufung
Österreichs als EU-Drittland würde der Einkommensverluste
langfristig, d.h. binnen etwa zehn Jahren, den gesamten
Wohlstandsgewinn (7 Prozent des BIP) wieder zunichte gemacht werden,
bei einer Kooperation etwa im Form eines Europäischen
Wirtschaftsraumes würde sich der BIP-Verlust auf 1-2 Prozent des BIP
belaufen. Klar sei aber: „Ein Öxit ist unweigerlich mit einem
Austritt aus der Eurozone verbunden. Dann würden wir wieder das tun
müssen, was wir vor dem Euro getan haben: uns strikt an Deutschland
orientieren und etwa die Geldpolitik anderer ‚passiv nachvollziehen‘.
Wir hätten de facto nicht an Autonomie gewonnen, sondern verloren.“
Einig waren sich Leitl und Keuschnigg, dass die EU angesichts der
bestehenden Herausforderungen und unterschiedlichen Interessen der
EU-Mitgliedstaaten weiterentwickelt werden müsse und Österreich sich
hier für eine zukunftsorientierte Europastrategie einsetzen solle. So
erfordere eine Währungsunion eine sehr viel tiefere Integration,
weshalb die Eurozone den Kern der EU ausmachen und die Integration
weiter vorantreiben müsse. Dem gegenüber sollte ein reformierter
Europäischer Wirtschaftsraum für jene Mitgliedstaaten stehen, die nur
eine wirtschaftliche Integration anstreben.
WKÖ-Präsident Leitl abschließend: „Wann, wenn nicht jetzt muss die
Europäische Union sich weiterentwickeln, um den wirtschaftlichen wie
politischen Herausforderungen – ob in der Globalisierung oder
angesichts der vielen politischen Konflikte in der Welt – begegnen zu
können.“ (PWK860/SR)
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