• 10.11.2016, 20:00:01
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  • OTS0254

Schmerz ist keine reine Nervensache

Erstmals schmerzauslösende Funktion von Gliazellen nachgewiesen

Utl.: Erstmals schmerzauslösende Funktion von Gliazellen
nachgewiesen =

Wien (OTS) - Das Gefühl von Schmerz entsteht, indem Nervenbahnen die
Erregungen nach einer Gewebeschädigung an das Rückenmark
weiterleiten, wo bereits eine umfassende Verarbeitung der
Schmerzinformation stattfindet. Von dort werden die Erregungen an
das menschliche Gehirn weitergeleitet, wo der Sinneseindruck
„Schmerz“ entsteht. Das ist der bekannte Mechanismus. Jetzt haben
ForscherInnen von der Abteilung für Neurophysiologie am Zentrum für
Hirnforschung der MedUni Wien aber herausgefunden, dass Schmerz keine
reine Nervensache ist, sondern dass auch Gliazellen bei klinisch
relevanten Schmerzphänomenen beteiligt sind und selbständig
schmerzverstärkend wirken. Die Studie wurde nun im Top-Journal
„Science“ veröffentlicht.

Die häufigsten Zellen im menschlichen Gehirn und Rückenmark sind
Gliazellen. Es sind von den Nervenzellen abgegrenzte Zelltypen, die
die Nervenzellen umgeben und wichtige unterstützende Funktionen –
etwa beim Stofftransport und Stoffwechsel oder beim
Flüssigkeitshaushalt im Gehirn und Rückenmark – haben.

Erklärung für rätselhafte Schmerzphänomene

Gleichzeitig können die Gliazellen aber selbst bestimmte Botenstoffe
freisetzen, zum Beispiel entzündungsfördernde Zytokine, wenn sie –
etwa durch Schmerzprozesse – aktiviert werden. Gliazellen haben also
zwei Modi: Einen schützenden und einen pro-inflammatorischen, also
entzündungsfördernden. „Die Aktivierung von Gliazellen sorgt dafür,
dass es zu einer schmerzverstärkenden Wirkung kommt, und auch, dass
sich der Schmerz oft bis in Körpergegenden ausbreitet, die vorher gar
nicht betroffen waren. Unsere Studie erklärt erstmals dieses und
andere bisher rätselhafte Schmerzphänomene in der Medizin“, sagt
Jürgen Sandkühler Leiter der Abteilung für Neurophysiologie am
Zentrum für Hirnforschung der MedUni Wien.

Die überschießende Aktivierung der Gliazellen im Rückenmark kann z.B.
durch starke Schmerzreize bei einer Wunde oder einem operativen
Eingriff hervorgerufen werden, aber auch durch Opiate. Sandkühler:
„Das erklärt auch, warum Opiate bei der Schmerzlinderung zunächst gut
wirken, danach aber oftmals ihre Wirkung verlieren. Ein weiteres
Beispiel ist der ‚Entzug‘ bei Drogenabhängigen, wo aktivierte
Gliazellen für starke Schmerzen im ganzen Körper sorgen.“

Gesunder Lebensstil kann System der Gliazellen positiv
beeinflussen

Auch neuroinflammatorische (entzündliche) Erkrankungen im Gehirn und
Umweltfaktoren sowie der eigene Lebensstil können, so Sandkühler, die
Gliazellen aktivieren. Dazu zählen Depressionen, Angststörungen und
chronischer Stress, aber auch Multiple Sklerose oder Alzheimer und
Diabetes, sowie Bewegungsmangel und falsche Ernährung. Sandkühler:
„Die Gliazellen sind ein ganz wichtiger Faktor für das Gleichgewicht
des persönlichen, neuroinflammatorischen Systems.“ Die Ergebnisse der
Studie lassen Spekulationen zu, wonach Verbesserungen im eigenen
Lebensstil einen positiven Einfluss auch auf dieses System haben und
dazu beitragen, generell weniger Schmerzen oder „Zipperlein“ zu
erleiden, so Sandkühler: „Wir haben es also auch selbst in der Hand:
Drei- viermal eine halbe Stunde mäßiger Sport pro Woche, gesünderes
Essen und das Vermeiden von Übergewicht können bereits einen großen
Unterschied machen.“

Service: Science

„Gliogenic LTP Spreads Widely in Nociceptive Pathways“ M.T.
Kronschläger, R. Drdla-Schutting, M. Gassner, S.D. Honsek, H.L.
Teuchmann, J. Sandkühler. Science, Nov. 10, 2016.

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