TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 7. November 2016 von Peter Nindler "Nicht am Sockel der Immunität"

Innsbruck (OTS) - Eduard Wallnöfer verkörpert als Mensch und Politiker Tiroler Zeitgeschichte. Wenn seine Büste schon an dem zentralen Ort des Erinnerns in Innsbruck aufgestellt wird, dann muss sie auch Teil der differenzierten Erinnerungskultur sein.

Die Kontroverse über die von Rudi Wach gestaltete Büste des ehemaligen Landeshauptmannes Eduard Wallnöfer ist eine wertvolle. Weil es um die stets herausfordernde Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur in Tirol geht. Zu oft wurde in der Vergangenheit glorifiziert, zu wenig differenziert. Die Person Wallnöfer und der von der Volkspartei forcierte Aufstellungsort für die Skulptur am gleichnamigen Platz vor dem Landhaus offenbaren den gesamten Spannungsbogen. Auch weil der Wallnöfer-Platz zum zentralen Raum des öffentlichen Erinnerns an die Opfer des Nationalsozialismus geworden ist.
Den Konflikt allein auf die 2005 bekannt gewordene Mitgliedschaft Wallnöfers in der NSDAP auszurichten, wäre jedoch stereotyp. Wer diesen inzwischen fixen Bestandteil und dunklen Fleck in seiner Biographie überzeichnet, wird dem Menschen und Politiker Wallnöfer keinesfalls gerecht. Auf einem Podest der „Diskussions-Immunität“ hat er ebenfalls nichts verloren. Sich allerdings zeitgemäß auf eine der prägendsten Persönlichkeiten des Landes einzulassen, damit tut sich knapp 30 Jahre nach Wallnöfers Tod vor allem die ÖVP nach wie vor schwer. Weil die Legendenbildung weiterhin gegenwärtig ist und sich noch zu viele Parteigänger an die absoluten ÖVP-Zeiten unter ihrem Übervater „Walli“ zurückerinnern und wohl auch -sehnen.
In seiner politischen Hochzeit in den 1960er- und 1970er-Jahren hat Wallnöfer Tirol mit Weitblick (infrastrukturell) modernisiert, am Ende seiner Amtszeit fehlte ihm jedoch das Gespür für die vielfältiger gewordene Gesellschaft. Das schmälert seine politischen Leistungen nicht, doch für die neuen Herausforderungen etwa in der Umwelt-und Verkehrspolitik ließ er die notwendige Umsicht vermissen. Das Agrargemeinschafts-Unrecht bleibt ebenfalls ein Makel; weil aus Wallnöfers Selbstverständnis heraus nicht nur die Volkspartei, sondern viele gesellschaftliche Bereiche das Klavier waren, auf dem der Bauernbund gespielt hat. Also wie umgehen mit Eduard Wallnöfer im Jahr 2016? Unaufgeregt.
Statuen und Büsten sind nicht mehr zeitgemäß, außerdem wird an Wallnöfer ohnehin landauf, landab erinnert. Der Ankauf über die Landesgedächtnisstiftung ist fragwürdig, doch die Entscheidung gefallen. Vielleicht gehört die Walli-Büste sogar auf den Landhausplatz, weil er als Mensch und Politiker einen Teil Tiroler Zeitgeschichte und den Umgang damit verkörpert. Aber es braucht dazu eine historische Kommentierung, die nicht nur Wallnöfer gerecht wird, sondern auch der Erinnerungskultur.

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