- 27.10.2016, 13:17:20
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Übergabe einer Replik des Vogelwagens aus Glasinac an das Nationalmuseum von Bosnien-Herzegowina in Sarajevo
Bronzezeitlicher Kultwagen als Teil der kulturellen Identität eines Staates

Utl.: Bronzezeitlicher Kultwagen als Teil der kulturellen Identität
eines Staates =
Wien (OTS) - Im Rahmen des Empfangs der Österreichischen Botschaft in
Sarajevo am Nationalfeiertag, dem 26. Oktober 2016, übergab NHM
Wien-Generaldirektor Christian Köberl eine Replik des weltberühmten
Vogelwagens aus Glasinac, der im Naturhistorischen Museum in Wien
aufbewahrt wird, an den Direktor des Landesmuseums von
Bosnien-Herzegowina, Mirsad Sijarć.
Auf Initiative des Österreichischen Botschafters in Sarajevo, Martin
Pammer, der im Rahmen des Kulturjahres Österreich – Bosnien und
Herzegowina heuer auch die Zusammenarbeit mit dem kürzlich
wiedereröffneten Landesmuseum etablierte, soll die gesamtstaatliche
Bedeutung dieser Institution sichtbar gemacht werden.
Das am 1. Februar 1888, ein Jahr vor dem Naturhistorischen Museum in
Wien, eröffnete k. u .k. Landesmuseum von Bosnien und Herzegowina
befindet sich seit 1913 in einem von Stadtbaumeister Karl Parschik
erbauten Neorenaissance-Gebäude in Sarajevo. Bei seiner Eröffnung war
das Museum die erste Einrichtung seiner Art in Bosnien und
Herzegowina und ist heute die bedeutendste museale Institution des
gesamten Staates. Ab 2017 ist die Replik des Vogelwagens aus Glasinac
dort zu sehen.
Der Wagen von Glasinac
„Der Wagen wurde 1880 in einem Grabhügel auf der Hochebene von
Glasinac, östlich von Sarajevo, gefunden. Der Vogelwagen ist eine
herausragende künstlerische Arbeit vorgeschichtlicher Bronzegießer
und ein sehr seltenes Kultobjekt mit hohem Symbolgehalt aus einer
noch schriftlosen Kultur,“ erklärt NHM Wien-Generaldirektor Christian
Köberl. Der Wagen stammt aus der Bronzezeit/Eisenzeit, zwischen 1.000
und 600 v. Chr. und gelangte aufgrund einer Schenkung nach Wien, wie
im Inventarbuch der prähistorischen Abteilung des NHM Wien
nachzulesen ist: „... von Herrn I. Lexa, k.k. Lieutnant im
Genie-Regiment No. 1 aus Goražda, für das k.k. Hofmuseum eingesendet
an Herrn Hofrath Ferdinand von Hochstetter im März 1880.“
Der aus Bronze in verschiedenen Einzelteilen gegossene und dann
zusammengesetzte Wagen von Glasinac hat ein rechteckiges, von kleinen
Vogelfiguren geschmücktes Wagengestell und einen Kessel in
Vogelgestalt. Auch der Deckel wird von einem Vogel gebildet. Die
Achsen des Wagens sind aus Eisen gefertigt. Die Funktion des
Vogelwagens ist nicht bekannt. Möglicherweise diente er dazu,
mythische Geschichten in Bewegung darzustellen und durch eine
eindrucksvolle Inszenierung greifbarer zu machen.
Replik der mythischen Wasservögel
Exklusiv für das Landesmuseum in Sarajevo wurde von Walter Prenner,
dem Restaurator der Prähistorischen Abteilung des NHM Wien, eine
originalgetreue Replik des Kultwagens angefertigt. Dafür wurde der
Originalwagen in seine Einzelteile zerlegt und von jedem Einzelteil
eine detailgetreue zwei- oder mehrteilige Silikonform hergestellt.
Die Silikonformen wurden innen mit Farbpigmenten eingefärbt, um beim
Guss das Epoxidharz bereits in die richtige Farbnuance einzufärben.
Um das originale Aussehen des Wagens farbecht wiederzugeben, wurde
beim fertigen Guss nachkoloriert. Bei der Nachbildung ist vor allem
der Guss des Vogelaufsatzes eine Herausforderung, weil er innen hohl
ist. Es wurde genau darauf geachtet, dass selbst die Wandstärke dem
Original genau entspricht. Die Replik wurde Großteils aus Epoxidharz
gegossen, es kamen jedoch auch verschiedene Metallelemente zum
Einsatz. Bei den Achsen finden sich zwei Gewindestangen (3 mm
Durchmesser) aus Eisen, und auch beim Unterbau des Wagens wurden
Eisenstifte und zwei Eisenbänder verwendet. Kleinere Details am
Vogelkörper wurden ebenfalls aus Metall gefertigt, so ist die
Halterung für die Klapperbleche aus Kupfer. Nach dem Zusammensetzen
der einzelnen Elemente sind Original und Kopie mit freiem Auge nicht
mehr zu unterscheiden.
Finanziert wurde die Herstellung der Replik jeweils zur Hälfte durch
das NHM Wien und das Bundesministerium für Europa, Integration und
Äußeres. Die Replik des Vogelwagens von Glasinac wird ab 2017 im
Nationalmuseum Bosnien Herzegowina zu sehen sein.
Das Landesmuseum in Sarajevo
Das Landesmuseum Museum in Sarajevo beherbergt mehr als vier
Millionen Objekte, nur etwa fünf Prozent des Bestandes sind
ausgestellt. Darunter die Sarajevoer Haggada, eine reichbebilderte
Handschrift aus dem 14.Jahrhundert, die sephardische Juden nach der
Vertreibung aus Spanien nach Bosnien brachten. Dieses Symbol der
kulturellen Vielfalt und Offenheit des gesamten Landes hat einen
Schätzwert von bis zu 630 Millionen Euro.
Der Friedensvertrag von Dayton im Jahr 1995 hat das moderne Bosnien
und Herzegowina in zwei substaatliche Entitäten geteilt, die
Serbische Republik und die bosnisch-kroatische Föderation, letztere
ist wiederum in zehn Kantone zergliedert. Kulturfragen wurden
zunächst ausgeklammert. Da sich die politische Führung der drei
‚konstitutiven Völker‘ des Landes nicht über Rechtsfragen und
Finanzierung zentraler Kultureinrichtungen einigen können, war das
Museum von Oktober 2012 bis September 2015 geschlossen.
Zivilgesellschaft, Mitarbeiter, Künstler, Prominente und ausländische
Botschaften, u.a. Österreichs, bewirkten mit einer Kampagne die
Wiedereröffnung dieser, für das ganze Land wichtigen
Kultureinrichtung. Die Finanzierung ist provisorisch bis 2018
sichergestellt und wird von verschiedenen Trägern übernommen.
„Dass wir mit voller Kapazität arbeiten und dass alles gesetzlich
geregelt ist, ist aus politischen Gründen derzeit wenig realistisch.
Die Wiedereröffnung 2015 war ein erster Schritt und sehr gut. Wer für
unser Museum in Zukunft zuständig sein wird, ist noch immer offen“,
so der Direktor des Nationalmuseums in Sarajevo, Mirsad Sijarić.
Vogelwagen aus Glasinac, Bosnien-Herzegowina, 800–600 v. Chr.
Original im Naturhistorischen Museum Wien, Österreich
(Maße: Länge 22cm, Breite 13cm, Höhe17cm.)
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