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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Mittwoch, 28. September 2016, von Floo Weißmann: "Clinton und die Bedauernswerten"

Innsbruck (OTS) - Hillary Clintons solide Performance im TV-Duell
wird keinen Wählerstrom in ihre Richtung erzeugen.
Aber sie kann darauf hoffen, dass der Abwärtstrend der vergangenen
Wochen gestoppt ist.

Nach herkömmlichem Verständnis sollte Hillary Clinton das erste
TV-Duell gegen Donald Trump klar gewonnen haben. Sie war die Einzige
auf der Bühne der Hofstra University, die präsidentiell auftrat,
Fakten und Konzepte beisammen hatte und auf Fragen eine
zusammenhängende Antwort gab. Doch spielt das wirklich eine so große
Rolle?
In diesem amerikanischen Wahlkampf geht es noch mehr als sonst um
Identität, um die oft unbewusste Zugehörigkeit zu einer bestimmten
Gruppe oder Weltsicht. Treue Trump-Anhänger schauen nicht auf seine
politischen Konzepte, und sie lassen sich auch von seinen Tiraden
nicht irritieren – eher im Gegenteil. Mit seinem düsteren Bild von
Amerika und den Angriffen auf das Establishment spricht er
Verlustängste an – nicht nur, aber ganz besonders jene der weißen
Männer ohne Collegeabschluss. Ihre Einkommen sind in den vergangenen
Jahrzehnten gesunken. Und sie erleben einen gesellschaftlichen
Machtverlust: Frauen mischen viel mehr mit als früher, der
Bevölkerungsanteil der Latinos wächst, und jetzt sitzt auch noch ein
Schwarzer im Weißen Haus.
Diese Leute wird Clinton nicht gewinnen, egal was in einem
TV-Duell passiert, und das weiß sie auch. Kürzlich steckte sie die
Hälfte der Trump-Anhänger in einen „Korb der Bedauernswerten“, was
für ziemliches Aufsehen sorgte. Zudem kämpft Clinton gegen ihre
schlechten Popularitätswerte. Viele Amerikaner – Demokraten
eingeschlossen – mögen sie schlicht und einfach nicht. Aus den
Kämpfen, Affären und Anfeindungen der vergangenen Jahrzehnte ist
offenbar zu viel hängen geblieben. Wer heute Leute auf der Straße
fragt, was sie vom Wahlkampf und den Kandidaten halten, erhält am
häufigsten ein frustriertes Stöhnen zur Antwort. Beide seien eine
Katastrophe.
In einem so stark polarisierten Land wie den USA und bei so viel
Abneigung gegen beide Kandidaten kann ein einzelnes Ereignis wie ein
TV-Duell wahrscheinlich keine spektakuläre neue Dynamik erzeugen. Das
muss es allerdings auch nicht, denn in einem so knappen Rennen wie
diesem genügt schon ein kleiner Schwung. Clinton hat gewonnen, wenn
sie mit ihrer soliden Performance im TV-Duell einige Zweifler in den
eigenen Reihen überzeugt hat und wenn sie einige der letzten echten
Wechselwähler auf ihre Seite ziehen konnte. Dann wäre zumindest der
Abwärtstrend der vergangenen Wochen gestoppt, und sie kann in
wichtigen Swing States ihren kleinen Vorsprung halten, bevor alle
Dämme brechen.

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