Aufsicht testet 2016 Eigenkapitalausstattung der Privatversicherungswirtschaft

Wien (OTS) - Die seit Anfang 2016 geltenden strengeren Vorschriften zur Berechnung der Eigenkapitalerfordernisse (Solvency II) werden in Zukunft Schwankungen des erforderlichen Solvenzkapitals verursachen. Die Versicherungswirtschaft wird 2016 einem Stresstest unterzogen.

Nach einigen Probeläufen im Vorfeld erfolgt seit Jahresbeginn 2016 die Berechnung des Solvenzkapitals in der Versicherungswirtschaft entsprechend der Richtlinie Solvency II. Dieses am Kreditwesen angelehnte Regelwerk bestimmt das notwendige Eigenkapital für Versicherungsunternehmen sowohl für die Aktiva als auch für die Passiva mit einem risikobasierten Ansatz. Die EU-Aufsichtsbehörde EIOPA stellt für die Berechnung des besten Schätzwertes der versicherungstechnischen Rückstellungen eine risikolose Zinsstrukturkurve zur Verfügung. Da die Zinsstrukturkurve von den aktuellen Marktzinssätzen abhängt, verändert sich der beste Schätzwert für versicherungstechnische Rückstellungen entsprechend dem Zinsumfeld zum Zeitpunkt der Erstellung einer Solvenzbilanz. Theoretisch heben einander die Auswirkungen einer Zinssatzänderung auf der Aktiv- und der Passivseite der Versicherungsbilanz auf. Wenn die Fristigkeitsstruktur der Veranlagungen von jener der versicherungstechnischen Rückstellungen abweicht, werden in Zukunft Preisänderungen auf dem Finanzmarkt die Grundlage zur Berechnung des Mindestkapitalerfordernisses stark beeinflussen.

Abbildung 1 zeigt die von EIOPA vorgegebene risikolose Zinsstrukturkurve zum 31. Dezember 2015 sowie zum Vergleich die Schätzwerte der EZB auf Grundlage der Daten vom 30. Dezember 2015 und vom 23. August 2016. Da für längere Laufzeiten keine Marktdaten vorliegen, setzt EIOPA am beobachteten liquiden Handelswert für die längste Restlaufzeit an und verlängert von dieser Restlaufzeit ausgehend die Zinsstrukturkurve für höhere Restlaufzeiten. Für Österreich wird dabei eine langfristige Konvergenz zu einem Wert von 3,75% angenommen, der auf einer künftigen erwarteten Inflationsrate von 2% jährlich und einem langfristigen Durchschnittswert für den Realzinssatz im Euro-Raum von 1,75% beruht. Seit Ende 2015 verlagerte sich die Zinsstrukturkurve für mittlere und längere Restlaufzeiten um etwa 1 Prozentpunkt nach unten und wurde flacher. Bei einer niedrigeren Zinsstrukturkurve steigen sowohl die versicherungstechnischen Rückstellungen als auch der Marktwert der Veranlagungen. Bei einer Verflachung der Zinsstrukturkurve kann jedoch der Nettoeffekt auf die verfügbaren Eigenmittel deutlich negativ sein, wenn ein Versicherungsunternehmen wegen der aktuellen Unsicherheit über die künftige Zinsentwicklung überwiegend kurzfristig veranlagt ist, während die erwarteten Leistungen in der ferneren Zukunft anfallen. Die EU-Aufsichtsbehörde führt 2016 einen Stresstest für reine Lebensversicherungsunternehmen und für Mischkonzerne mit einem Lebensversicherungszweig durch, dessen Ergebnisse Ende 2016 veröffentlicht werden.

Abbildung 1: Zinsstrukturkurve zur Berechnung des Marktwertes versicherungstechnischer Rückstellungen von EIOPA und Zinsstrukturkurve der EZB - auf der WIFO-Website
(http://www.wifo.ac.at/publikationen/pressenotizen)

Die Prämieneinnahmen der privaten Versicherungswirtschaft nahmen im Jahr 2015 kaum zu (+0,2%); in der Lebensversicherung sanken sie sogar (-1,2%), während die Umsätze in der Schaden-Unfallversicherung nur wenig wuchsen (+0,4%). Damit setzte sich die mittelfristige Strukturverschiebung von der Lebensversicherung zu den beiden anderen Versicherungszweigen nach einer kurzen Pause im Jahr 2014 fort.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht 9/2016 (http://monatsberichte.wifo.ac.at/59013)

Rückfragen & Kontakt:

Rückfragen bitte am Montag, dem 26. September 2016, zwischen 9 und 12 Uhr an Dr. Thomas Url, Tel. (1) 798 26 01/279, Thomas.Url@wifo.ac.at.

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