TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ötzi und die Europaregion", von Peter Nindler

Ausgabe vom 8. September 2016

Innsbruck (OTS) - Der Eismann ist 25 Jahre nach seinem Sensationsfund kein Symbol der Europaregion Tirol geworden. Vielmehr verkörpert er ihren Zustand. Aber vielleicht reichen den Bürgern in der Euregio einfach nur der Gardasee, Törggelen und Ikea.

Vor 25 Jahren wurde die Gletschermumie Ötzi gefunden. Weil die Fundstelle am Hauslabjoch 92 Meter von der Grenze entfernt auf Südtiroler Gebiet lag und die Europaregion Mitte der 1990er-Jahre noch in den Kinderschuhen steckte, wurde der Gletschermann 1998 nach Bozen überstellt. Ursprünglich sollte er im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck seine Ruhestätte finden, jetzt wird er im Südtiroler Archäologiemuseum konserviert. Die Geschichte um den 5250 Jahre alten Eismann ist aber auch eine der Europaregion.
Institutionell hat sich die Euregio bis zum Zungenbrecher eines Europäischen Verbunds für territoriale Zusammenarbeit weiterentwickelt, doch seit Jahren inszeniert sie sich nur noch selbst. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Tirol, Südtirol und dem Trentino ist irgendwie stehen geblieben.
Spricht der für die Museen zuständige Südtiroler Landesrat Florian Mussner davon, dass die Entdeckung des Mannes aus dem Eis das kulturelle Leben in Südtirol verändert habe, dann entspricht seine regionale Denkweise der Realität. Obwohl an der Grenze ausgeapert, schaffte es Ötzi nicht einmal zum Euregio-Bürger. Er trägt vielmehr den Südtiroler Stempel. Und blicken Südtirol und das Bundesland Tirol gemeinsam auf jenen historischen Tag, den 19. September, zurück? Nein, das macht jeder mehr oder weniger für sich. Diese Kleinkariertheit symbolisiert den leidlichen Zustand der Europaregion abseits der viel zitierten Sonntagsreden.
Was nützt also eine Europaregion mit Statuten, Dreierlandtagen, einem geistigen Euregiozentrum in Alpbach und einem Wissenschaftsfonds, wenn sie im Alltag wie bei Ötzi versagt? Benötigt es überhaupt dieses schwammige Gebilde, damit Politik und Zivilgesellschaft südlich und nördlich des Brenners kooperieren? Für bessere Verkehrsverbindungen sind die Transportgesellschaften und die Verkehrspolitik zuständig. Die Wipptaler Bauern haben von sich aus die Initiative ergriffen und liefern seit zwei Jahren ihre Milch nach Sterzing.
Der Brennerbasistunnel ist zwar ein grenzüberschreitendes Jahrhundertprojekt, aber die Verkehrspolitik von Südtirol und Nordtirol bzw. Österreich und Italien verbindet er nicht. Und die Flüchtlingspolitik entlang der neuralgischen Brennerachse wird seit Monaten von Krampf geprägt. Andererseits dominieren in den Köpfen der Menschen ohnehin der Gardasee, Törggelen oder Ikea in Innsbruck. Vielleicht sollte man es dabei auch belassen.

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