• 07.09.2016, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ötzi und die Europaregion", von Peter Nindler

Ausgabe vom 8. September 2016

Utl.: Ausgabe vom 8. September 2016 =

Innsbruck (OTS) - Der Eismann ist 25 Jahre nach seinem Sensationsfund
kein Symbol der Europaregion Tirol geworden. Vielmehr verkörpert er
ihren Zustand. Aber vielleicht reichen den Bürgern in der Euregio
einfach nur der Gardasee, Törggelen und Ikea.

Vor 25 Jahren wurde die Gletschermumie Ötzi gefunden. Weil die
Fundstelle am Hauslabjoch 92 Meter von der Grenze entfernt auf
Südtiroler Gebiet lag und die Europaregion Mitte der 1990er-Jahre
noch in den Kinderschuhen steckte, wurde der Gletschermann 1998 nach
Bozen überstellt. Ursprünglich sollte er im Landesmuseum Ferdinandeum
in Innsbruck seine Ruhestätte finden, jetzt wird er im Südtiroler
Archäologiemuseum konserviert. Die Geschichte um den 5250 Jahre alten
Eismann ist aber auch eine der Europaregion.
Institutionell hat sich die Euregio bis zum Zungenbrecher eines
Europäischen Verbunds für territoriale Zusammenarbeit
weiterentwickelt, doch seit Jahren inszeniert sie sich nur noch
selbst. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Tirol, Südtirol
und dem Trentino ist irgendwie stehen geblieben.
Spricht der für die Museen zuständige Südtiroler Landesrat Florian
Mussner davon, dass die Entdeckung des Mannes aus dem Eis das
kulturelle Leben in Südtirol verändert habe, dann entspricht seine
regionale Denkweise der Realität. Obwohl an der Grenze ausgeapert,
schaffte es Ötzi nicht einmal zum Euregio-Bürger. Er trägt vielmehr
den Südtiroler Stempel. Und blicken Südtirol und das Bundesland Tirol
gemeinsam auf jenen historischen Tag, den 19. September, zurück?
Nein, das macht jeder mehr oder weniger für sich. Diese
Kleinkariertheit symbolisiert den leidlichen Zustand der Europaregion
abseits der viel zitierten Sonntagsreden.
Was nützt also eine Europaregion mit Statuten, Dreierlandtagen,
einem geistigen Euregiozentrum in Alpbach und einem
Wissenschaftsfonds, wenn sie im Alltag wie bei Ötzi versagt? Benötigt
es überhaupt dieses schwammige Gebilde, damit Politik und
Zivilgesellschaft südlich und nördlich des Brenners kooperieren? Für
bessere Verkehrsverbindungen sind die Transportgesellschaften und die
Verkehrspolitik zuständig. Die Wipptaler Bauern haben von sich aus
die Initiative ergriffen und liefern seit zwei Jahren ihre Milch nach
Sterzing.
Der Brennerbasistunnel ist zwar ein grenzüberschreitendes
Jahrhundertprojekt, aber die Verkehrspolitik von Südtirol und
Nordtirol bzw. Österreich und Italien verbindet er nicht. Und die
Flüchtlingspolitik entlang der neuralgischen Brennerachse wird seit
Monaten von Krampf geprägt. Andererseits dominieren in den Köpfen der
Menschen ohnehin der Gardasee, Törggelen oder Ikea in Innsbruck.
Vielleicht sollte man es dabei auch belassen.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT

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