TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 25. August 2016 von Peter Nindler - Die Stunde null für die Bauern

Innsbruck (OTS) - Die Politik ist in der Landwirtschaftskrise mit ihrem Latein am Ende und verschafft sich nur noch mit fragwürdigen Lieferverzichtsprämien Luft. Und die Bauern haben für das notwendige Umdenken und Innovation kein Geld mehr.

Von Peter Nindler
Da gibt es nichts mehr zu beschönigen: Die Schieflage der Landwirtschaft kann die Politik nicht mehr geradereden. Spricht insbesondere Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (ÖVP) von Innovation und neuen Exportmärkten als Chance, um bessere Produktpreise zu erzielen, so funktioniert weder das eine noch das andere. Viele Bauern können nur noch zu 100 Prozent auf Pump investieren, und Tiroler Käse in Amerika oder China ist etwas für die Tourismusgalerie – aber in der Wertschöpfungskette vernachlässigbar. Unabhängig von den politischen Diskussionen, ob es den Landeskulturfonds als Hebel für die Unterstützung der Bauern in Tirol benötigt oder nicht: Seine Investitionskredite in der Landwirtschaft sind ein Abbild der Krise.
Die Liquidität bei den Bauern ist angespannt und die Eigenkapitaldecke wird immer dünner. Gemessen an den Agrarinvestitionskrediten von 18,3 Mio. Euro entfallen nur noch 13 Prozent auf das Oberland und das Außerfern. Die Stundungsanträge für Rückzahlungen nehmen zu, in Reutte leidet bereits die Kulturlandwirtschaft, weil die Bewirtschaftung nicht mehr flächendeckend erfolgt. Die rund 120 Fördermillionen können den Abwärtstrend in der kleinstrukturierten Landwirtschaft nicht stoppen. Das Grundproblem: Die Kosten, auch für Stallumbauten, Infrastruktur und Erneuerung, steigen, während die Erzeugerpreise sinken. Neidvoll blicken die Landwirte deshalb nach Südtirol, und den Wipptaler Bauern kann man nur gratulieren: Sie erhalten von der Sterzinger Molkerei für konventionelle Milch 50 Cent, die Tirol Milch zahlt nur noch 27,3 Cent. Trotz des europäischen Milchsees ist die Krise auch hausgemacht. Tirols Bauern produzieren Top-Qualität, aber Vermarktung und Wertschöpfungskette halten nicht mit. Allein das Ende für die Tirol Milch als selbstständige Molkerei spricht Bände. Davon hat sich die Landwirtschaft bis heute nicht erholt. Das Agrarmarketing in allen Ehren, den Bauern fehlt einfach ein Leitbetrieb für Vermarktung und Verkauf.
Was aber noch schwerer wiegt: Für die teils kostenintensiven Umstellungsprozesse auf die preislich interessantere Bio-Schiene oder ein breiteres Angebotsspektrum („Drehscheibe Bauernhof“) fehlt den Landwirten inzwischen das Geld. Die Nebenerwerbslandwirte fragen sich deshalb, warum sie sich das alles noch antun sollen, die Vollerwerbsbetriebe leben nur noch von der Substanz. Aber solange die Politik in der für die Bauern schon längst angebrochenen Stunde null Lieferverzichtsprämien für Milch ausschüttet, ist auch sie bereits mit ihrem Latein am Ende.

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