- 20.07.2016, 09:00:01
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Diabetes: Faktor „Geschlecht“ von immer größerer Bedeutung
MedUni Wien-ForscherInnen zu einem Review zum Stand der geschlechtsspezifischen Unterschiede im Top-Journal „Endocrine Reviews“ eingeladen
Utl.: MedUni Wien-ForscherInnen zu einem Review zum Stand der
geschlechtsspezifischen Unterschiede im Top-Journal „Endocrine
Reviews“ eingeladen =
Wien (OTS) - Die internationalen Richtlinien für das Management von
Diabetes mellitus (Typ 2) geben vor, Faktoren wie das Alter, das
soziale Umfeld, die Dauer der Erkrankung oder begleitende
gesundheitliche Beschwerden zu beachten. Das Geschlecht ist nicht
beinhaltet. Aber genau das wird von immer größerer Bedeutung – denn
Männer und Frauen tragen ein unterschiedliches Risiko und erkranken
und leiden unterschiedlich an Diabetes, sodass auch die Behandlung
zunehmend geschlechtsspezifisch und damit personalisiert sein sollte.
Das ist die wichtigste Erkenntnis eines weltweit erstmals in diesem
ganzheitlichen Umfang verfassten Reviews zum Stand der
geschlechtsspezifischen Unterschiede, zu dem die MedUni
Wien-ForscherInnen Alexandra Kautzky-Willer und Jürgen Harreiter
(beide von der Universitätsklinik für Innere Medizin III, Gender
Medicine Unit) nun eingeladen wurden. Der Review ist im „Endocrine
Reviews“ erschienen, jenem Journal in der Endokrinologie mit dem mit
Abstand höchsten Impact-Faktor (21.059). Zudem wurde der Artikel der
MedUni Wien-WissenschafterInnen auf dem Cover des Journals prominent
gefeatured.
Andere Risikofaktoren, genetische Disposition und Biomarker
bei Frauen und Männern
Die Fakten sprechen klar für eine geschlechtsspezifische Betrachtung
und Behandlung von Diabetes mellitus, woran rund 600.000
ÖsterreicherInnen leiden: Männer haben biologisch ein grundsätzlich
höheres Risiko, an Diabetes mellitus zu erkranken, Frauen sind unter
anderem durch die erhöhte Ausschüttung des Hormons Östrogen lange
„geschützt“ – bis es in der Menopause zu einer hormonellen Umstellung
kommt und dieser Schutz abflaut. Das Risiko für die Männer ist
zumeist auch erhöht, weil sie mehr Bauchfett und mehr Leberfett haben
und eine niedrigere Insulinempfindlichkeit aufweisen, auch wenn sie
nicht übergewichtig sind. Ein Testosteronmangel ist bei ihnen aber
ein Risikofaktor, während bei Frauen höhere männliche Sexualhormone
mit einem höheren Risiko einhergehen.
„Dagegen wurde gezeigt, dass das Fett an den Oberschenkeln, das bei
den Frauen genetisch und Östrogen-bedingt häufiger ist, sogar
schützend wirken kann. Andererseits hat bei ihnen der Bauchumfang
eine bessere Diabetes-Voraussagekraft als bei Männern“, sagt
Kautzky-Willer, Diabetes-Expertin und Österreichs erste Professorin
für Gender Medicine. „Bei Frauen führen außerdem psychosozialer
Stress und Stress im Job sowie mangelnde Entscheidungskompetenz bei
großem Arbeitsdruck oder Schlafmangel häufiger zu Diabetes als bei
Männern. Oft auch verstärkt durch Gewichtszunahme.“ Dafür sind Männer
mehr gefährdet, später Diabetes zu entwickeln, wenn ihre Mütter in
der Schwangerschaft unter Mangelernährung gelitten haben.
Auch bei den Biomarkern, die helfen können, frühzeitig das
Diabetes-Risiko zu erkennen, gibt es geschlechtsspezifische
Unterschiede: So sind das von der Leber gebildete Protein Fetuin-A
sowie Copeptin (ein im Hypothalamus gebildetes Prohormon), und
Proneurotensin (ein Neurotransmitter) vielversprechende Biomarker bei
Frauen, aber nicht bei Männern. Hier gilt das Hormon Leptin, das
chemische Botschaften aussendet, das Essen einzustellen und Energie
aus den Speichern, etwa Fettdepots, zu gewinnen, als starker
Biomarker.
Auch Umwelteinflüsse als Risikofaktoren für Diabetes
„Immer bedeutsamer werden auch endokrine Disruptoren, also
hormonaktive Stoffe“, betont Jürgen Harreiter. So wurde in Studien
gezeigt, dass etwa synthetisch hergestellte Substanzen wie Bisphenol
A oder Phatalate (Weichmacher), die in vielen Kunststoffartikeln
enthalten sind, als Risikofaktoren für Diabetes gelten – und auch
hier gibt es auch altersabhängig bei Männern und Frauen
unterschiedliche Effekte.
Und auch regionale Unterschiede gibt es: So erkranken immer mehr
Frauen in Ozeanien, Süd- und Zentralasien sowie im Mittleren Osten an
Diabetes, wogegen die Erkrankung immer mehr Männer in reicheren
Gegenden der Asien-Pazifik-Region betrifft, aber auch in
Mitteleuropa.
Diabetes-Forschung: MedUni Wien europaweit top
Die erwähnten geschlechtsspezifischen Faktoren bei Diabetes sollen
künftig noch mehr als bisher in die Praxis einfließen. Hierbei spielt
die MedUni Wien europaweit eine führende Rolle, vor allem durch die
interne Vernetzung der Forschungen an der Universitätsklinik für
Innere Medizin III mit der Frauenheilkunde, dem Exzellenzzentrum für
Hochfeld-MR, der Nephrologie, mit dem Zentrum für Public Health, aber
auch mit dem Institut für die Wissenschaft komplexer Systeme, sowie
durch starke internationale Kooperationen. Und die ÖDG
(Österreichische Diabetes-Gesellschaft) mit Kautzky-Willer als
stellvertretender Vorsitzenden und vielen MedUni Wien-Forschern in
führenden Positionen, ist die einzige weltweit, die eigene
geschlechtsspezifische Leitlinien in ihrem Programm hat.
Service: Endocrine Reviews
„Sex and Gender Differences in Risk, Pathophysiology and
Complications of Type 2 Mellitus.“ Alexandra Kautzky-Willer, Jürgen
Harreiter and Giovanni Pacini. Endocrine Reviews, June 2016, Volume
37/03. 37(3):278-316, doi: 10.1210/er.2015-1137.
Fünf Forschungscluster an der MedUni Wien
Insgesamt sind fünf Forschungscluster der MedUni Wien etabliert. Dort
werden in der Grundlagen- wie in der klinischen Forschung vermehrt
Schwerpunkte an der MedUni Wien gesetzt. Die Forschungscluster
umfassen medizinische Bildgebung, Krebsforschung/Onkologie,
kardiovaskuläre Medizin, medizinische Neurowissenschaften und
Immunologie. Das vorliegende Paper fällt in den Themenbereich des
Clusters für kardiovaskuläre Medizin.
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