Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 13. Juli 2016. Von MARIO ZENHÄUSERN. "Pulverfass Italien".

Innsbruck (OTS) - Österreich wird die Flüchtlingsobergrenze doch nicht im Sommer, sondern erst im Herbst erreichen. Wer daraus ein nahendes Ende der Problematik ableitet, irrt gewaltig. Vor allem in Italien spitzt sich die Situation dramatisch zu.

Die Zahl der in Österreich aufhältigen Flüchtlinge hat bereits mehrfach für Diskussionsstoff gesorgt. Dafür verantwortlich sind semantische Unterschiede – die einen reden von Flüchtlingen, die anderen von Asylwerbern und wieder andere von Menschen mit gültigem Aufenthaltstitel – genauso wie – gewollte – politische Differenzen. In bester diesbezüglicher Erinnerung ist zum Beispiel das kurze erste Abklatschen zwischen Bundeskanzler Christian Kern und Innenminister Wolfgang Sobotka.
Gestern nun hat Sobotka Fakten auf den Tisch gelegt. In Österreich sind im ersten Halbjahr exakt 22.135 Anträge auf ein Asylverfahren zugelassen worden. 3556 Anträge fanden keine Zustimmung.
22.135 – das sind weniger als erwartet, hatten doch viele damit gerechnet, dass die ominöse Obergrenze von 37.500 Verfahren bereits im Sommer erreicht werden könnte. Das wird jetzt aller Voraussicht nach doch erst im Herbst der Fall sein. Wer daraus schließt, dass sich die Flüchtlingskrise entschärft, verkennt die Situation allerdings dramatisch.
Die Hilfesuchenden aus den Krisenregionen versuchen seit geraumer Zeit wieder, über die Balkanroute in die Zielländer Zentral- und Westeuropas zu gelangen. In Italien lassen täglich neue Anlandungen den Druck steigen wie in einem Dampfkessel, der irgendwann zu explodieren droht. Bis zum gestrigen Tag haben die italienischen Behörden allein heuer 78.009 Flüchtlinge aus dem Meer gefischt, mittlerweile leben weit mehr als 120.000 Asylwerber, aufgeteilt auf mehr als 800 Gemeinden, im Land. Als Schmerzgrenze gilt bei unseren südlichen Nachbarn die Zahl von 160.000 Personen.
Diese imaginäre, weil nie offiziell beschlossene, Obergrenze dürfte schneller erreicht sein, als es so manchem in Italien und in allen anderen Teilen Europas lieb sein kann. Weil die EU und hier inbesondere die Schengen-Staaten Italien bei der Bewältigung des Flüchtlingsproblems nach wie vor sträflich alleine lassen, wird Rom irgendwann nicht mehr in der Lage sein, mehr Menschen aufzunehmen. Was dann passiert, kann sich jeder ausmalen: Wenn Rom die Schleusen öffnet, werden weder Obergrenzen noch Grenzkontrollen in der Lage sein, die nach Norden drängenden Menschenmassen aufzuhalten.
Über Aufteilungsmechanismen und finanzielle wie strukturelle Unterstützung für kooperative Staaten in Nordafrika wurde genug diskutiert. Jetzt ist es Zeit, endlich Taten sprechen zu lassen.

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