TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 9. Juli 2016 von Alois Vahrner - Heinz Fischer und die Zeit danach

Innsbruck (OTS) - Gestern ist die zwölfjährige Ära von Heinz Fischer als Bundespräsident zu Ende gegangen. Mit seinem bedächtigen, aber in jedem Fall überdachten Kurs war Fischer ein sehr gutes Staatsoberhaupt, das dem Land gutgetan hat.

Nach seiner Wahl 2004 erzählte Heinz Fischer, der 1957 zum Bundespräsidenten gewählte Adolf Schärf habe oft über die Einsamkeit in den Weiten der Hofburg geklagt. Er hoffe, dass es ihm nicht auch so gehe. Vielleicht war er auch deshalb ein „ruheloser Präsident“, schrieb Herbert Lackner, ein jahrzehntelanger Intimkenner, im profil. Und fasste seine Präsidentschaft in Zahlen: 75 Länder habe der früher von Flugangst Geplagte bereist, Staatschefs aus 76 Ländern kamen nach Wien. 180 Grußworte und 200 Reden wurden gehalten, geschätzte 2500 Selfies pro Jahr gemacht, 1000 Interviews gegeben, 1548 Bundesgesetze beurkundet und drei Regierungen (und etliche danach berufene neue Minister) angelobt.
Aus gutem Grund ist die Amtszeit des Bundespräsidenten auf maximal zwei sechsjährige Perioden beschränkt. Fast 4400 Tage lang oberster politischer Repräsentant des Landes zu sein, ist wahrlich eine lange Zeit. Heinz Fischer wurde gestern mit allen Ehren verabschiedet – zu Recht!
SPÖ-Mann Heinz Fischer hatte sich 2004 mit 52,4 zu 47,6 Prozent gegen ÖVP-Kandidatin Benita Ferrero-Waldner durchgesetzt. Fischer, der achte Bundespräsident der Zweiten Republik, kündigte an, ein „Präsident für alle Österreicher“ sein zu wollen. Ein Anspruch, dem ihn zumindest anfangs nicht immer alle in anderen Parteien so abnahmen, den er letztlich aber sehr wohl erfüllte – etwa auch, als er gegen den von Wiens Bürgermeister Michael Häupl und dem Boulevard erzwungenen 180-Grad-Schwenk der SPÖ-Spitze um Kanzler Faymann und Verteidigungsminister Darabos in Richtung Berufsheer nicht mitmachte und glasklar für die Beibehaltung der Wehrpflicht eintrat. Und das blieb dann tatsächlich „in Stein gemeißelt“.
Fischer, der während der Amtszeit sehr an Popularität zulegte (im zweiten Wahlgang holte er ohne einen VP-Gegenkandidaten 79,3 Prozent), blieb in seinen Aussagen stets bedächtig, seine Aussagen waren aber in jedem Fall sehr wohl überdacht. Viele hätten sich zuweilen schärfere Positionen gewünscht, Fischer wollte aber nicht zu sehr ins politische Tagesgeschäft verstrickt werden, sondern wirkte vielmehr verbindend. Fischer war ein guter Präsident, mehr Staatsnotar und moralische Instanz als politischer Kraftprotz oder Unruheherd. Er hat durch sein Agieren die in Teilen der Bevölkerung diskutierte Sinnhaftigkeit des Amtes sicher nicht in Frage gestellt. Sein Nachfolger, ob Alexander van der Bellen oder Norbert Hofer, wird es nicht leicht haben. Vor allem dabei, die derzeitigen Gräben zuzuschütten und die wohl wieder fast Hälfte der Wähler, die für den anderen Kandidaten gestimmt hat, gut mitzuvertreten.

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